französische Literatur


französische Literatur
französische Literatur,
 
die Literatur Frankreichs und die französisch-sprachige Literatur Belgiens. Nach der Gliederung der französischen Sprachgeschichte unterscheidet man zwischen altfranzösischen (9.-14. Jahrhundert), mittelfranzösischen (14.-16. Jahrhundert) und neufranzösischen Literatur (seit dem 16. Jahrhundert).
 
 Altfranzösische und mittelfranzösische Literatur
 
Die ältesten Zeugnisse der französischen Literatur standen im Zusammenhang mit den Bestrebungen Karls des Großen, der Bevölkerung das Evangelium in der jeweiligen (romanischen oder germanischen) Landessprache nahe zu bringen; so waren auch die frühesten französischen Literaturdenkmäler Schriften aus dem kirchlich-religiösen Bereich: Übersetzungen lateinischer Vorlagen und Neuschöpfungen in der Volkssprache. Zu ihnen gehören u. a. die Eulaliasequenz (881), die Passion Christi (10. Jahrhundert), das Leodegarlied (um 1000) und das Alexiuslied (Mitte des 11. Jahrhunderts). Daneben wurden früh (wenn auch erst seit dem 12. Jahrhundert überliefert) religiöse Erzählungen erbaulichen Charakters (Contes dévots), Heiligenviten (z. B. von Robert Wace, Gautier de Coinci), Fabelsammlungen wie die der Marie de France, Parabeln, Reimpredigten u. a. sowie Werke moralisch-lehrhafter Tendenz verfasst (so das Bestiarium und das Lapidarium des Philippe de Thaon mit ihrer symbolisch-heilsgeschichtlicher Deutung verschiedener Tiere und Steine). Vor dem Hintergrund des Aufstiegs Frankreichs zu einer europäischen Macht ist die erste bedeutende Schöpfung der altfranzösischen Literatur, das Heldenepos (Chanson de geste), zu sehen, dessen ältestes das um 1100 entstandene Rolandslied (Chanson de Roland) ist. Im Heldenepos spiegelt sich die Rechts- und Gesellschaftsordnung des Feudalismus wider, die sich mit der Kreuzzugsidee und einer nationalen Thematik verbindet. Um Karl dem Großen entstand ein Kreis von Epen, die »Karls-« oder »Königsgeste« (außer dem Rolandslied u. a. mit »Pèlerinage de Charlemagne« sowie »Saisnes« von Jean Bodel, über den Sachsenkrieg); um die Gestalt des treuen Vasallen Wilhelm von Orange bildete sich die »Wilhelmsgeste« (u. a. mit »Chanson de Guillaume«, »Charroi de Nîmes« und »Aymeri de Narbonne«); die »Vasallen-« oder »Empörergeste« (mit »Gormond et Isembart«, »Raoul de Cambrai« u. a.) thematisiert die Konflikte zwischen Feudalherren und der Zentralgewalt; daneben entstanden Epen um Gottfried von Bouillon und die Kreuzritter.
 
Um die Mitte des 12. Jahrhunderts bildeten sich als neue literarische Gattungen Versroman und Verserzählung aus, in deren Mittelpunkt die höfische Kultur und Lebenswelt des Hochmittelalters und die ritterliche Liebe stehen. Dabei waren v. a. zwei Stoffkreise - ein antiker und ein keltischer - wirksam. Die Werke der klassischen Antike wurden den Vorstellungs- und Lebensformen der Zeit anverwandelt und historische Ereignisse der Antike mit fantastischen Abenteuern verbunden; besonders bekannte Versromane waren der »Roman de Thèbes« (nach Statius), der »Roman d'Énée« (nach Vergil) sowie der »Roman de Troie« des Benoît de Sainte-Maure und der »Roman d'Alexandre« von Lambert Li Tors. Der höfische Roman (Roman courtois) wurde jedoch maßgeblich von bretonischen Einflüssen und keltischen Sagen geprägt, die durch die Einwanderung von Kelten in die Bretagne gelangt waren. Eine Vermittlerfunktion kam dabei der »Historia regum Britanniae« des Geoffrey of Monmouth zu, durch die die Sage von König Artus und den Rittern der Tafelrunde auf dem Festland bekannt wurde (besonders nach der Übertragung der »Historia« in französische Verse in Waces Chronik »Le roman de Brut«). Zur »matière de Bretagne« gehörten außer der Artus- auch die Tristansage und die Gralslegende. Aus diesen Stoffen schuf Chrétien de Troyes sein um Aventiure und ritterlicher Minnedienst kreisendes, von differenzierter psychologischer Analyse getragenes Romanwerk (»Érec et Énide«, um 1170; »Cligès«, um 1176; »Lancelot«, »Yvain«, beide um 1177-81), das im »Perceval« eine Wendung ins Christlich-Mystische erfuhr. Seine Tristandichtung ist nicht überliefert, erhalten blieben jedoch das Tristanepos des Bérol (um 1170) und der etwas später entstandene, stärker psychologisch motivierte Roman des Thomas d'Angleterre. Auch die Versnovellen (Lais) der Marie de France bedienten sich keltische Sagenstoffe. Ausgehend von Chrétiens »Perceval« wurde das Gralsthema im 13. Jahrhundert von Robert de Boron (»Le roman de l 'estoire dou graal«) weiter ausgestaltet und in heilsgeschichtlicher Perspektive dargestellt. Dieser Roman bildete eine der Grundlagen für den umfangreichen Lancelot-Gral-Zyklus des 13. Jahrhunderts. Charakteristisch für eine Reihe von Romanen und Erzählungen waren (u. a. unter dem Einfluss der Kreuzzüge) Stoffe fremder, besonders orientalischer Herkunft, exotische Schauplätze, der Verlust höfischen Minnecharakters, kompliziertere Handlungsführung mit märchenhaften Elementen, zunehmende Auflösung der Versform in Prosa (z. B. »Floire et Blancheflur«, etwa 1160/70, und »Aucassin et Nicolette«).
 
Neben dem Heldenepos und dem höfischen Roman wurde im 12. und 13. Jahrhundert in Frankreich besonders die Lyrik gepflegt. Zur volkstümlichen Lyrik gehörten u. a. die episch gefärbten, romanzenartigen »Chansons d'histoire« und die »Chansons de toile«, die »Rondeaux« und »Virelais« (Tanzlieder), die »Rotrouenges« (Lieder mit Kehrreim), »Pastourelles« (Liebeslieder der Hirten) und die »Reverdies« (Frühlingslieder). Durch die Höfe, besonders die der Eleonore von Aquitanien und ihrer Tochter, Marie de Champagne, wurde Mitte des 12. Jahrhunderts die provenzalische Troubadourlyrik ins nördliche Frankreich vermittelt. Damit hatte das Thema der platonischen, unerfüllbaren Liebe eines Ritters zu einer ihm gesellschaftlich übergeordneten (meist verheirateten) Frau Eingang in die altfranzösische Literatur gefunden und so auch auf die im »Roman courtois« (höfischen Roman) zum Ausdruck kommende Lebenshaltung gewirkt (bis hin zu späten Romanen in höfischem Geist wie von Gerbert de Montreuil oder »Li chastelain de Couci« von Jakemés Sakep, 13. Jahrhundert). Bekannte höfische Lyriker waren u. a. Chrétien de Troyes, Thibaut IV (Graf von Champagne und König von Navarra), Gace Brulé, Blondel de Nesle, Colin Muset und Conon de Béthune, der auch als Dichter von Kreuzzugsliedern (Chansons de croisade) hervortrat.
 
Das französische Drama ist liturgischen Ursprungs und entwickelte sich aus der szenischen Darstellung biblischer Stoffe an kirchlichen Feiertagen mit dem Ziel religiöser Unterweisung. Im 12. Jahrhundert vor die Kirche verlegt und auf einer Simultanbühne dargeboten, entfaltete es sich zur eigentlich dramatischen Handlung. Zunehmend wurden auch profane Szenen einbezogen, wodurch sich der inhaltliche Rahmen und das Figureninventar erweiterten und die Aufführungen sich von ihrem rituellen Ausgangspunkt entfernten. Im Unterschied zum »Jeu d'Adam« (12. Jahrhundert) enthält das »Jeu de Saint-Nicolas« von Bodel (um 1200) mit zum Teil realistischen und komischen Elementen bereits Ansätze zum weltlichen Drama. Es ist zugleich das älteste französische Mirakelspiel (dramatisierte Legende über wunderhafte Taten eines Heiligen). Weitere Gattungen waren das im 13. Jahrhundert aufgekommene Passionsspiel und das seit dem 14. Jahrhundert überlieferte Mysterienspiel. Bekannte Verfasser waren u. a. Arnoul Gréban und Simon Gréban (»Passion. ..«, um 1450). Gespielt und eingerichtet wurden diese Dramen von zunftmäßig in »Puys« und »Confréries de la passion« organisierten Bürgern oder von Vereinigungen wie den »Clercs de la basoche« (Gerichtsbeamten) und Scholaren, auch von Vaganten. Zu den herausragenden Autoren weltlicher, komödienhafter Spiele gehörte Adam de la Halle (»Le jeu de Robin et de Marion«, 1283).
 
Mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg des Bürgertums durch die wachsende Bedeutung der Städte begannen sich gegen Ende des 13. Jahrhunderts von der aristokratisch-höfischen Kultur abweichende Lebensformen zu entwickeln, die sich auch in der Literatur artikulierten. Kennzeichnend für die Dichtung des späten Mittelalters waren v. a. ein im Unterschied zur höfischen Poesie deutlich realistisches und ein satirisches Element, im Zusammenhang mit der Wirklichkeitsnähe auch eine stärkere Akzentuierung des Sinnenhaften bis hin zum derb Sinnlichen. Daneben war vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Umbruchs und der Neuorientierung besonders im 14. und 15. Jahrhundert der didaktische Zug der Literatur charakteristisch, die im engeren Sinne lehrhafte Dichtung nahm einen breiten Raum ein.
 
Eine Form des weltlichen Theaters dieser Zeit war die Farce, die in ihrer bildhaften Sprache plastische Charakterzeichnungen lieferte und in der Treffsicherheit der Beobachtung realistische Züge aufwies (z. B. in »La farce de Maistre Pierre Pathelin«, entstanden etwa 1465). Eine weitere dramatische Gattung, die »Sotie«, bediente sich der beißenden, zum Teil ständische und politische Satire, die erbaulichen »Moralités« hingegen wiesen religiöse und moralisierende Tendenzen auf. Bekannte Soties und Moralités wurden von P. Gringoire verfasst.
 
Auch in der erzählenden Dichtung kündigte sich als Spiegel der Zeit eine Wende an: Das Idealbild des hochmittelalterlichen Ritters bewahrte seinen Vorbildcharakter nur noch in einer Art nostalg. Rückblick (z. B. in »Petit Jehan de Saintré«, 1459, von Antoine de La Sale); eine realistische (zum Teil skeptische) Weltsicht verdrängte zunehmend die idealisierende Darstellung, z. B. in »Cent nouvelles nouvelles« (um 1462), einem Werk, das auch stark satirisch gefärbt war. Der neuen, wirklichkeitsnäheren Betrachtungsweise entsprach die den Vers ablösende Prosaform. Realistische und schwankhafte Elemente verbanden sich in den »Fabliaux«, von gallischem Humor geprägten Kurzerzählungen. Auch die Tierfabeln sind in ihrer Mischung von Belehrung, genauer Beobachtung gesellschaftlicher Zustände und scharfem Spott eine für die Zeit charakteristische poetische Gattung; bekannt wurde u. a. der Fuchsroman (»Le roman de Renart«, etwa zwischen 1175 und 1250). Besonders deutlich geprägt durch den Wandel von Lebenshaltung und Weltanschauung im späteren Mittelalter ist der allegorische Rosenroman (»Roman de la rose«), dessen (unvollendeter) erster Teil zwischen 1225 und 1240 von Guillaume de Lorris und dessen zweiter zwischen 1275 und 1280 von Jean de Meung verfasst wurde. Während jedoch Guillaume de Lorris' Dichtung noch höfischen Idealen verpflichtet war, rückte Jean de Meung entschieden von ihnen ab und gab einer realistischen, sinnlichen Auffassung der Liebe Raum. Auch in der Lyrik kündigte sich (selbst bei formaler Nachahmung der Troubadourpoesie) insgesamt eine neue bürgerliche Lebenshaltung an: einerseits in der zum Teil zunftmäßigen, meistersingerlichen Pflege der Dichtung, in der - wie im Drama - auch einzelne Städte (u. a. Arras) hervortraten, andererseits durch den Sinn für die Realität, die oft eine kritisch-satirische Färbung erhielt, aber auch durch ein häufig sehr persönliches Gefühl und Engagement. So vermittelt etwa Rutebeuf mit seinem Gespür für die Zeitereignisse und der Kritik an politischen und kirchlichen Missständen ein Bild seines unruhevollen Lebens; zugleich lässt seine Dichtung (z. B. in »Le miracle de Théophile«, um 1260) tiefe Frömmigkeit erkennen. Strenges Formbewusstsein mit einem zum Teil sehr persönlichen Ton verband die Lyrik des Guillaume de Machaut (14. Jahrhundert), während Eustache Deschamps' formstrenge und zum Teil bekenntnishafte Gedichte auch politische, moralische und philosophische Themen behandelten. In den Dichtungen der an ihm geschulten Christine de Pisan schlagen sich ebenfalls Zeitfragen nieder, v. a. aber verteidigte sie den Wert der Frau. Weitere bedeutende Dichter in der Zeit des Hundertjährigen Krieges waren Alain Chartier und Charles d'Orléans, beide direkt am politischen Leben der Zeit beteiligt. Eine besonders beliebte lyrische Form war die Ballade, die häufig didaktischen Charakter annahm. Am burgundischen Hof bildete sich im 15. Jahrhundert die Dichtergruppe der gelehrten »Rhétoriqueurs« (u. a. mit Jean Molinet und Jean Lemaire de Belges), die sich um eine vorbildhafte Verskunst bemühte und sich dabei an antiker Rhetorik und Poetik orientierte. Überragende Gestalt der französischen Literatur des Spätmittelalters war François Villon, dessen Dichtungen aus der Perspektive des Vaganten und Bohemiens weltliche und geistliche Themen, Lebensfreude, Vergänglichkeitsbewusstsein und Todesangst in neuartiger Sprache mit schonungsloser Wahrhaftigkeit artikulieren (so in »Petit testament«, entstanden 1456, und »Grand testament«, entstanden 1461).
 
 Neufranzösische Literatur
 
Renaissance (16. Jahrhundert):
 
Mit dem Eingreifen französischer Könige in die politischen Auseinandersetzungen in Oberitalien seit dem Ende des 15. Jahrhunderts machte sich in Frankreich der Einfluss der italienischen Renaissance und des Renaissancehumanismus geltend, der eine Hinwendung zur Kultur Italiens und der Antike mit sich brachte. Franz I. zog italienische Künstler und Wissenschaftler an seinen Hof und begründete 1530 auf Betreiben des französischen Humanisten G. Budaeus das heutige Collège de France als Zentrum humanistischer Bildung. Das Studium antiker Texte im Original, ihre Herausgabe und Übersetzung führte zum Entstehen der klassischen Philologie in Frankreich. Ein bedeutender Übersetzer klassischer antiker Werke war J. Amyot, der Plutarch, auch Werke des Euripides, Heliodor, Longos u. a. übertrug. Als Verleger und Übersetzer traten R. und H. Estienne hervor. Die Übersetzertätigkeit regte auch die Entstehung mehrsprachiger Wörterbücher sowie Überlegungen zum Sprachvergleich an; so sah schon Jean Lemaire de Belges das Französische als dem Italienischen ebenbürtig an und versuchte in seinen »Illustrations de Gaule. ..« (1509-13) eine Verbindung zwischen Frankreich und der klassischen Antike herzustellen. Die humanistische Methode der Textsicherung wurde auch auf die Bibel übertragen. Der erste französische Bibelübersetzer (1530) und -kommentator, der Humanist J. Faber (J. Lefèvre d' Étaples), hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Reformation in Frankreich. 1535 folgte die Bibelübersetzung des P. R. Olivetanus, der später Mitarbeiter J. Calvins in Genf wurde. Wie Faber und Olivetanus hatte auch der Reformator Calvin aus religiösen Gründen Frankreich verlassen müssen; seine (nach dem lateinischen Original) ins Französische übersetzte »Institution de la religion chrétienne« (1541) ist das erste theologische Werk in französischer Sprache. Humanist. Engagement und geistige Öffnung gegenüber den neuen Ideen verband der Buchdrucker, Übersetzer und Kommentator antiker Werke É. Dolet, der wegen Verbreitung häretischer Schriften zum Tode verurteilt und verbrannt wurde. C. Marot, der die erste französische Psalmenübersetzung vorlegte, ging, als Anhänger der Reformation verdächtigt, ins Exil nach Italien. Als Lyriker zum Teil noch mittelalterlichen Gattungen verhaftet, zeigte er sich der Formensprache der Antike (Epigramm, Ekloge u. a.) und der italienischen Renaissancepoesie aufgeschlossen (er schrieb das erste französische Sonett) und wirkte damit besonders auf die Lyriker der Pléiade, die mit der mittelalterlichen Tradition brachen und die antiken Autoren und Gattungen (neben den lyrischen auch Tragödie, Komödie und Epos) sowie die zeitgenössische italienische Dichtung als Vorbilder empfanden. Das Manifest dieser Schule, »Défense et illustration de la langue française« (1549), lässt zugleich ein neuartiges dichterisches Selbstbewusstsein erkennen; die französische Sprache als ein dem Italienischen und den klassischen antiken Sprachen ebenbürtiges Idiom sollte (z. B. durch Anleihen bei Dialekten und Fachsprachen sowie durch Neologismen) zu einem ausdrucksfähigen poetischen Instrument entwickelt werden. Der Pléiade gehörten u. a. P. de Ronsard, J. Du Bellay, É. Jodelle, R. Belleau, A. de Baïf, P. de Tyard und der Hellenist J. Dorat an. Besonders Ronsard und Du Bellay erfüllten die antiken und italienisch lyrischen Formen auch mit einem persönlichen Ton. In der klassischen Tradition versuchte Ronsard in seiner »Franciade« (1572), eine französische »Aeneis« zu schaffen und damit das antike Epos wieder zu beleben. Mit der Lyoner Dichterschule (École de Lyon) fanden über Italien vermittelte neuplatonische Ideen und der Petrarkismus (mit seiner idealistisch-überhöhten Liebesauffassung) Eingang in die französische Literatur (M. Scève, Louise Labé). Vom Petrarkismus inspiriert war auch die Lyrik P. Desportes'.
 
In der Erzählprosa wurden Formen der italienischen Renaissancedichtung ebenfalls übernommen. So verweist das in Novellenform gehaltene »Heptaméron« (herausgegeben 1559) der Margarete von Navarra (der Schwester Franz' I.) auf das Vorbild des »Decamerone« von Boccaccio. Humanistisch gebildet und von neuplatonischen Gedanken beeinflusst, zeigte sie sich auch den neuen religiösen Ideen aufgeschlossen und empfing zahlreiche religiös Verfolgte (darunter Calvin) an ihrem Hof. Von Volksbüchern angeregt - und zum Teil als Parodie der mittelalterlichen Chansons de geste angelegt - sind die Romane über die Riesen Gargantua und Pantagruel (1532-64) von F. Rabelais, in denen sich literarische, kirchliche und politische Zeitsatire mit einem Erziehungsprogramm in humanistischem Geist verbindet; dieses von renaissancehafter Daseins- und Sinnenfreude gekennzeichnete Werk ist mit seinen kühnen satirischen Wortspielereien und Neologismen auch von großer sprachlicher Originalität.
 
Auch das antike Theater wurde wieder entdeckt, es entstanden antikisierende Renaissancedramen, deren Regeln J. C. Scaliger, orientiert an der Poetik des Aristoteles, aufgestellt und J. de La Taille weiterentwickelt hatte. Tragödien nach antikem Vorbild schrieben u. a. L. de Baïf, Jodelle, R. Garnier (der auch biblische Stoffe bearbeitete) und A. de Montchrétien; als Lustspieldichter nach antikem Muster wirkten Jodelle, Belleau, J. Grévin u. a.; Einflüsse der italienischen Renaissancekomödie verarbeitete P. de Larivey.
 
Die innere Unruhe einer Zeit geistig-religiöser Auseinandersetzung spiegelt sich auch in der Memoirenliteratur (z. B. B. de Monluc, P. de Brantôme) und in der Satire (so der »Satire Ménippée«, 1594); die Leiden des Krieges wurden aus katholischer und protestantischer Sicht (z. B. in dem Epos »Les tragiques«, 1616, von T. A. d'Aubigné) geschildert. Einen Weg zur Überwindung des Bürgerkriegs suchte J. Bodin in »Les six livres de la république« (1576), dem ersten staatstheoretischen Werk in französischer Sprache. Eine indirekte Antwort auf die Zeitereignisse waren auch die (inhaltlich und formal neuartigen) »Essais« von M. de Montaigne, in denen sich das Interesse an der Erforschung des Menschen in seiner Vielschichtigkeit mit dem skeptizistischen Zweifel an der Möglichkeit des Erkennens verband; die »Essais« wirkten besonders in der Moralistik des 17. Jahrhunderts nach.
 
Vorklassik und Klassik (17. Jahrhundert):
 
Die Regierung Heinrichs IV. hatte nach den konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts eine Periode inneren Friedens eingeleitet, der nach der Ermordung des Königs 1610 jedoch eine Zeit erneuter politischer Instabilität gefolgt war. Erst die Politik Richelieus und (nach den Aufständen der Fronde) Mazarins sowie schließlich (seit 1661) die persönliche Regierung Ludwigs XIV. führten zur Etablierung des absolutistischen Königtums. Dieses förderte nachdrücklich eine Literatur, die der kulturellen Führungsschicht (»la cour et la ville«; »der Hof und die Stadt«) Verhaltens- und Geschmacksnormen vorgab. Die klassische französische Literatur (»klassisch« im Sinne der Orientierung am antiken Vorbild und als Gipfelleistung einer Nationalliteratur) gestaltete die angestrebten gesellschaftlichen Ideale des »honnête homme« (»Ehrenmann«) und der »bienséance« (»Schicklichkeit«) nach formal strengen Regeln.
 
Für die Entwicklung der klassischen Ästhetik wurde F. de Malherbe durch den »Commentaire sur Desportes« (1606) mit der Betonung von Regelhaftigkeit und Vernunftgebundenheit richtungweisend. Wesentliche Forderungen seiner Sprach- und Dichtungsreform waren Logik, Klarheit und Disziplin, eine dem gedanklichen Gehalt angemessene Darstellung und eine kontrollierte sprachliche Ausdrucksform (unter Ausschaltung von Fremdwörtern, Archaismen, Provinzialismen, fachsprachlichen Termini und Wörtern eines niederen Stilniveaus). Dieses gegenüber der Pléiade völlig neue Dichtungsprogramm rief jedoch die Reaktion von Autoren mit betont individualistischem Poesieverständnis hervor (z. B. von M. Régnier und T. de Viau), wie überhaupt eine »antiklassische« Strömung besonders für die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts bezeichnend war. Eine wichtige Funktion für die Entwicklung des klassischen Stils hatten die das kulturelle Leben entscheidend mitprägenden, meist von adligen Damen begründeten Salons (besonders die Salons der Marquise Catherine de Rambouillet und der Madeleine de Scudéry). Hier bildeten sich durch die Pflege des geselligen Gesprächs verfeinerte Lebensart, Gefühlskultur und das Geschmacksideal der Précieuses sowie eine Kunstsprache heraus, die durch gewählte Ausdrucksweise und bewusste Stilisierung gekennzeichnet war; hier entstand auch die galante Gesellschaftspoesie (z. B. von V. Voiture und I. de Benserade). Starken Einfluss auf die Salonkultur hatten auch die Schäferromane (meist nach italienischen Vorbildern), besonders »L'Astrée« (1607-27) von H. d'Urfé und »Artamène ou le grand Cyrus« (1649-53) von Madeleine de Scudéry. Diese Romane boten ein poetisches Spiegelbild aristokratisch geprägter Umgangsformen und vermittelten - in einem wirklichkeitsfernen Rahmen - die gleichermaßen platonische wie galante Liebeskonzeption einer mondänen Gesellschaft. Daneben entwickelte sich, besonders vom spanischen pikaresken Roman angeregt, der als bewusste Parodie auf die heroisch-galanten Romane angelegte burleske Roman, der sich - u. a. durch Einbeziehung unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten und ihrer Sprache - deutlich vom Idealismus des Schäferromans abhob. Er wurde u. a. von C. Sorel (»Vraie histoire comique de Francion«, 1623-33) und P. Scarron (»Le roman comique«, 1651-57), später von A. Furetière (»Le roman bourgeois«, 1666) vertreten. Die Romane Cyrano de Bergeracs behielten zwar den imaginären Rahmen des Schäferromans bei, ließen aber schon einen stark gesellschafts- und philosophiekritischen Unterton anklingen.
 
Dem Bestreben Richelieus, die partikularistischen Interessen der unterschiedlichen politischen und religiösen Gruppen der absoluten Monarchie unterzuordnen, entsprachen seine Maßnahmen zu kulturpolitischer Zentralisierung. Er förderte die Gründung der Académie française (1635), die als Instrument mit normierender Funktion Regeln für die französische Sprache erarbeiten, ein Wörterbuch und eine Grammatik schaffen sowie in literarischen Streitfällen Stellung nehmen sollte. Als stilistische Empfehlungen gewannen die »Remarques sur la langue française« (1647) von C. F. de Vaugelas Bedeutung, die die Sprache des Hofes und ausgezeichneter Autoren und damit ein gehobenes Stilniveau (»bon usage«) als sprachlich verbindlich erklärten.
 
Wesentliche Elemente des Geistes der französischen Klassik sind schon im ersten philosophischen Werk in französischer Sprache, dem »Discours de la méthode. ..« (1637) von R. Descartes vorgeprägt, worin die auch im Zweifeln sich bekundende Vernunft (»raison«) zum Maßstab der Wahrheitsfindung erhoben wird.
 
Die Herausbildung einer ästhetischen Regelhaftigkeit wird besonders deutlich in der Entwicklung des Dramas als derjenigen literarischen Gattung, die im 17. Jahrhundert im Mittelpunkt auch des gesellschaftlichen Interesses stand. Das Theater der Vorklassik (z. B. von A. Hardy, T. de Viau und H. de Racan) war von komplizierter dramatischer Aktion, extremen Handlungsumschwüngen, unwahrscheinlichen Episoden und Mischung der Stile (besonders in der Form der Tragikomödie) gekennzeichnet. Auf der Grundlage der aristotelischen Poetik und theoretischen Vorarbeiten u. a. von J. de La Taille, J. Chapelain und F. d'Aubignac entstand die Konzeption des klassischen französischen Dramas. Es sollte den Forderungen der »vraisemblance« (Wahrscheinlichkeit) ebenso entsprechen wie den Geboten der »bienséance« und die drei Einheiten beachten, was einer Absage an die wesentliche Charakteristika des vorklassischen Dramas im Namen der »raison« gleichkam. Die Aufführung des »Cid« von P. Corneille (1637) hatte einen literarischen Streit wegen Nichtbeachtung der klassischen Regeln ausgelöst; in den folgenden Stücken (darunter »Horace«, 1641; »Cinna«, 1643; »Polyeucte«, 1643) bemühte sich Corneille um ein regelgerechtes Drama. Schon den »Cid« kennzeichnet jedoch die das klassische französische Theater entscheidend mitprägende äußerste Verdichtung des dramatischen Geschehens; typisch für das Handlungsschema bei Corneille ist der zwischen Pflicht (Ehre) und Leidenschaft ausgetragene Konflikt, der durch Vernunft und Willen zugunsten der Ehre entschieden wird. Das Drama J. Racines hingegen, das den Geist der antiken Tragödie (besonders des Euripides) mit Ideen des Jansenismus verbindet, zeigt den Untergang des seinen Leidenschaften schicksalhaft erliegenden Menschen (z. B. in »Phèdre«, 1677) in einer gegenüber Corneille psychologisch vertieften Darstellung bei noch gesteigerter dramatischer und sprachlicher Konzentration. Die klassische französische Komödie wurde von dem Dramatiker, Theaterdirektor und Schauspieler Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, geschaffen. Ausgehend von der Farce und Elementen der italienischen Commedia dell'Arte, entwickelte er die Charakter- und besonders die Sittenkomödie, wobei er menschliche Schwächen unter Berufung auf den »bon sens« (den gesunden Menschenverstand) karikierte (z. B. in »Le misanthrope«, 1667, »L'avare«, 1669, und »Le malade imaginaire«, 1673), aber auch Zeiterscheinungen zum Teil kritisch beleuchtete (so in »Le tartuffe ou l'imposteur«, 1669). In der Versdichtung wurde J. de La Fontaine zum Erneuerer der Fabel, wobei jedoch die didaktische Absicht zurücktrat und die scharfe Ironie der mittelalterlichen Tierdichtung einer durch Esprit gemilderten kritischen Darstellung allgemein moralischer Fragen, besonders der Triebfedern menschlichen Handelns, wich.
 
Obwohl der Roman nur als niedere Gattung galt und außerhalb der Normen der klassischen Ästhetik stand, erreichte er mit »La princesse de Clèves« (1678) von Marie-Madeleine de La Fayette eine neue Qualität. Dieser erste psychologische Roman der französischen Literatur verzichtet auf äußere Motivation und lebt aus der subtilen Analyse seelischer Vorgänge. Die Analyse der menschlichen Natur und das Studium des Menschen im gesellschaftlichen Umfeld waren auch die wichtigsten Themen der Moralistik (besonders in der prägnanten Form von Maxime und Aphorismus). Sie vermittelt, z. B. in den »Réflexions ou sentences et maximes morales« (1665) von F. de La Rochefoucauld und in »Les caractères. ..« (1688) von J. de La Bruyère, ein (häufig pessimistisch gefärbtes) Bild des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Ebenfalls moralistische Betrachtungen enthält die Memoirenliteratur (J. F. P. de Retz und L. de Saint-Simon). Wertvolle kulturhistorische Dokumente und Muster klassischen Stils bietet auch die Briefliteratur (besonders bei G. de Balzac und Marie de Sévigné). Der Briefform konnte sich auch die geistliche Polemik bedienen, z. B. in »Les provinciales. ..« (1656/57), einer Streitschrift, in der B. Pascal die jansenistische Lehre gegen Angriffe der Jesuiten verteidigte. Vom Ideal logischer Gedankenführung und stilistischer Klarheit geprägt ist seine Apologie des Christentums, »Pensées sur la religion« (1670), die aus jansenistischer Sicht die Paradoxien der menschlichen Natur und des Glaubens formuliert. Die »orthodoxe« geistliche Literatur diente v. a. der Darstellung der katholischen Kirche als Ordnungsfaktor, u. a. in den Auseinandersetzungen mit dem Jansenismus und dem Quietismus; bedeutende Vertreter (v. a. mit rhetorisch kunstvoll gestalteten Predigten) waren J. B. Bossuet und L. Bourdaloue.
 
Eine Zusammenfassung der klassisch-rationalistischen Dichtungskonzeption nahm N. Boileau-Despréaux in dem Lehrgedicht »L'art poétique« (1674) vor. Das Plädoyer für eine vernunftgeleitete Poesie sowie die Nachahmung der idealtypisch verstandenen »Natur« und Antike entsprang dabei der Überzeugung von der zeitlosen Gültigkeit eines ästhetischen Modells. In der Querelle des anciens et des modernes, der von C. Perrault 1687 ausgelösten Literaturdebatte, erklärten demgegenüber zahlreichen Autoren diese ästhetische Normvorstellung als unvereinbar mit den Leistungen (sowie dem technisch-naturwissenschaftlichen Fortschritt) der Moderne. Die Überzeugung von der Relativität des künstlerischen Geschmacks bedeutete zugleich einen Ansatz zu entwicklungsgeschichtlichem Denken. Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts - mitbedingt durch Beschränkungen des geistigen Lebens (z. B. durch die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685) - nahm die Kritik an der absolutistischen Herrschaft Ludwigs XIV. zu. Besonders gravierend wirkten die libertinistischen Angriffe gegen das christliche Dogma und allgemeine weltanschauliche Grundsätze. Sie fanden u. a. in den Schriften von C. de Saint-Évremond, B. de Fontenelle und besonders von P. Bayle (»Dictionnaire historique et critique«, 1696/97) ihren Niederschlag und waren eine Vorbereitung auf die Gedankenwelt der Aufklärung. Auch F. de Fénelons Erziehungsroman »Les aventures de Télémaque« (1699) war als Angriff auf die Regierung Ludwigs XIV. verstanden worden.
 
Aufklärung und Revolution (18. Jahrhundert):
 
Für die Entwicklung der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts wurden vielschichtige Strömungen wirksam. Im Rückgriff auf rationalistischen und skeptischen Traditionen und vor dem Hintergrund absolutistischer Willkürherrschaft sowie scheiternder innenpolitischer Reformansätze verstärkte sich der Geist der Kritik (zahlreiche Werke konnten nur außerhalb Frankreichs oder anonym erscheinen); Vernunft wurde außer als Instrument begrifflicher Analyse zunehmend als Mittel der (zum Teil grundsätzlichen) Infragestellung politischer, sozialer, religiöser und allgemein kultureller Systeme verstanden. Auch die die Aufklärung prägenden Einflüsse der sich entwickelnden Naturwissenschaften und ihrer experimentellen Methoden wirkten sich - ebenso wie empiristische, sensualistische und materialistische Tendenzen der französischen Philosophie - im Sinne einer Kritik an tradierten weltanschaulichen Prinzipien aus. Verstärkte Kontakte französischer Schriftsteller und Wissenschaftler mit dem Ausland (besonders England) förderten die Kenntnis andersartiger kultureller Entwicklungen und die Einsicht in deren Eigengesetzlichkeit und führten u. a. zu maßgeblichen Entwürfen in Geschichts- und Rechtswissenschaft. Im Zusammenhang mit der Erörterung anderer Gesellschaftsmodelle und der Schärfung des kritisch-sozialen Bewusstseins steht auch das aufklärerische Ideal einer Humanisierung der Gesellschaft; in Verbindung mit der Überzeugung von einem allgemeinen wissenschaftlichen Fortschritt führte dies zu Fortschrittsgläubigkeit und philosophischem Optimismus, wie sie für weite Bereiche der französischen Aufklärung charakteristisch waren.
 
Nach dem Tod Ludwigs XIV. (1715) verlagerte sich der Schwerpunkt des kulturellen Lebens von Versailles nach Paris. Literarische, philosophische und politische Probleme wurden in den Salons (z. B. bei Claudine-Alexandrine de Tencin, Julie de Lespinasse, Louise-Florence d'Épinay) sowie in den Cafés (z. B. Café Procope) und Clubs (z. B. Club de l'Entresol) diskutiert. Die französische Literatur behielt im 18. Jahrhundert in der Regel die Formensprache der Klassik bei, erfüllte sie aber mit neuem Gehalt, zum Teil löste sie sich auch von den ästhetischen Traditionen. Im Bereich der Tragödie sprach sich A. Houdar de La Motte gegen Versform und Einheitsregeln sowie die Beschränkung auf ein Figurenrepertoire der antik-mythologischen Überlieferung aus; P. J. de Crébillon entfernte sich vom klassischen Modell der »bienséance« und »vraisemblance« zugunsten greller Effekte; die Tragödien Voltaires unterschieden sich - bei Wahrung klassischer Form - durch die für die Literatur der Aufklärung bezeichnende didaktische Tendenz und die dezidierte Kritik an den Missbräuchen weltlicher und kirchlicher Macht deutlich von Werken der französischen Klassik (z. B. in »Œdipe«, 1719; »Zaïre«, 1733; »Mahomet«, 1742). Die Entwicklung der Komödie ließ neben dem Lustspiel in der Nachfolge Molières (so bei J.-F. Regnard) ebenfalls neue Ansätze erkennen. In den Komödien von A.-R. Lesage (z. B. in »Turcaret«, 1709) artikulierte sich scharfe Sitten- und Zeitkritik. Nach Vorstufen bei P. N. Destouches entwickelte P. C. Nivelle de La Chaussée abseits des klassischen Regelkanons die Comédie larmoyante, die in moralisierender Absicht Konflikte aus dem Alltagsleben behandelt. Die Komödien P. C. de Marivaux' (z. B. »Le jeu de l'amour et du hasard«, 1730) leben aus der Analyse psychologisch nuanciert angelegter Figuren und der subtilen Darstellung der Liebesproblematik, wobei soziale Spannungen spielerisch angedeutet sind.
 
Auch der Roman des 18. Jahrhunderts hebt sich deutlich von der utopischen Welt des galanten und den idealtypischen Zügen des klassischen Romans ab. Mit realistisch beobachteten Details konnte er z. B. kritische Zeitbezüge entwickeln (so in »Le diable boîteux«, 1707, und »Histoire de Gil Blas de Santillane«, 1715-35, von A.-R. Lesage, sowie »La vie de Marianne. ..«, 1731-42, und »Le paysan parvenu«, 1734/35, von Marivaux). A.-F. Prévost d'Exiles schilderte in »Histoire du chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut« (1731) die Unbedingtheit einer (sinnlichen) Leidenschaft (auch über soziale Schranken hinweg); durch seine Übersetzungen der sentimentalen Briefromane S. Richardsons ins Französische eröffnete er der französischen Literatur die geistige Welt der Empfindsamkeit. Eine beliebte literarische Form der Satire war der fiktive Brief. C. de Montesquieus »Lettres persanes« (1721) wurden zum Mittel politischer, moralischer und philosophischer Kritik.
 
Montesquieu beeinflusste auch das neuzeitliche historische Denken, indem er (anders als z. B. noch Bossuet) Geschichte nicht mehr als Schauplatz göttlicher Vorsehung, sondern aus immanenten (z. B. geographischen und gesellschaftlichen) Bedingungen heraus verstand. Ebenso basiert seine Staatstheorie (»De l'esprit des lois«, 1748) nicht auf metaphysische Grundlagen, sondern analysiert staatliche Systeme in enger Verbindung mit konkreten (z. B. klimatischen und historischen) Gegebenheiten, wobei im Geist der Aufklärung Gewaltenteilung (nach dem Muster der englischen Verfassung) proklamiert und die Despotie verworfen wird. Wie Montesquieu wurde auch Voltaire von den Erfahrungen seines Englandaufenthaltes mitgeprägt; dies zeigen u. a. seine »Lettres philosophiques« (1734) mit ihrer scharfen Kritik am französischen staatlichen und kirchlichen Leben sowie allgemein seine metaphysikfeindliche, deistische Haltung und seine empiristische Grundposition. In seinen philosophischen wie im engeren Sinn literarischen Schriften war er ein kämpferischer Vertreter der Idee der Vernunft, der Toleranz und des Fortschritts und ein erbitterter Gegner von Willkür und Fanatismus. Neben seinen Dramen variieren auch seine kleinen Romane (z. B. »Zadig ou la destinée«, 1747; »Micromégas«, 1752; »Candide ou l'optimisme«, 1759; »L'ingénu«, 1767) moralistische und philosophische Themen. Die Historiographie entwickelte er zu einer literarischen Form und erweiterte sie zur allgemeinen Kulturgeschichte; zusammen mit Montesquieu bereitete er damit der Geschichtsphilosophie und der historischen Quellenforschung den Weg. Zum Instrument der Aufklärung wurde auch die »Encyclopédie« (1751-80), die, von J. Le Rond d'Alembert und D. Diderot, später von Diderot allein herausgegeben, den aktuellen Stand des Wissens aufzeigte, kritisch analysierte und in diese Kritik Staat und Kirche einbezog; sie ist ein einzigartiges Dokument des Fortschrittsoptimismus der Aufklärung (Enzyklopädisten). Im Sinne der Aufklärung wirkte Diderot auch durch seine Dramentheorie, mit der er das bürgerliche Trauerspiel entwickelte, und in seinem erzählerischen Werk, worin er den philosophischen Roman mit Zeit- und Gesellschaftskritik verband und neue erzähltechnische Perspektiven eröffnete; ferner begründete er die literarische Kunstkritik in Frankreich.
 
Eine Abkehr vom aufklärerischen Fortschrittsoptimismus vollzog J.-J. Rousseau mit seinem »Discours sur les sciences et les arts« (1750) und dem »Discours sur l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes« (1755), in denen er Kultur und Zivilisation als Entfernung von Naturzustand und ursprünglicher Moral wertete. Dem Roman erschloss er - unter Richardsons Einfluss - neue Dimensionen lyrischer Natur- und Gefühlsdarstellung (»Julie ou la nouvelle Héloïse«, 1761-64). Stärker noch als »Nouvelle Héloïse« und sein Erziehungsroman »Émile« (1762), der für die freie Entfaltung der Persönlichkeit auf der Grundlage von Natur und Empfindung eintrat, spiegelt seine Autobiographie, »Les Confessions« (herausgegeben 1782-89), irrationale Momente, was ihn zu einem Vorläufer der Romantik machte. Seine im »Contrat social« (1762) skizzierte Staatslehre hatte mittelbar Einfluss auf die Französische Revolution. Die Naturauffassung Rousseaus und die neu entdeckte »Empfindsamkeit« beeinflusste den sehr erfolgreichen Roman »Paul et Virginie« (1788) von J. Bernardin de Saint-Pierre, der Zivilisations- und Moralkritik mit einer Liebesgeschichte an exotischem Schauplatz verbindet. Seit der französischen Übersetzung von »Tausendundeine Nacht« (1704-17) durch A. Galland hatte der Exotismus (u. a. auch in Reiseberichten) zunehmend als Instrument relativierender Kritik in der französischen Literatur gewirkt. N. E. Restif de La Bretonne verband Zivilisationskritik mit sozialreformerischen Ideen; P. A. F. Choderlos de Laclos analysierte in seinem Briefroman »Les liaisons dangereuses« (1782) die menschliche Psyche sowie die zynischen Praktiken einer korrumpierten Gesellschaft. D.-A.-F. de Sade zeichnete in seinen Romanen eine Psychopathologie des Bösen, die in der Romantik zum Teil wieder aufgegriffen wurde. Die moralistische Literatur setzten im 18. Jahrhundert u. a. L. de Vauvenargues, N. de Chamfort und A. de Rivarol fort. - Hatte Diderot in Abkehr vom klassischen Drama die Theorie für ein bürgerliches Schauspiel erarbeitet, so führte P. A. C. de Beaumarchais' »La folle journée ou le mariage de Figaro« (1785) mit seiner Infragestellung der gesellschaftlichen Strukturen in die Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution.
 
Die französische Literatur während der Französischen Revolution und bis in die Zeit des Empire war - u. a. entsprechend der vorbildhaften Funktion der römischen Republik und des römischen Kaisertums im politischen Leben - vom Klassizismus geprägt. Das Drama (M.-J. Chénier) propagierte revolutionäre Inhalte in klassizistischer Form, die Lyrik zeigte klassische Stilgebung, wenn sie sich bei A.-M. Chénier auch schon mit auf die Romantik verweisender Musikalität und Sensibilität verband. Die parlamentarische Rhetorik orientierte sich an antiken Modellen (H. G. de Mirabeau, G. Danton, M. de Robespierre, L.-A. de Saint-Just, C. Desmoulins u. a.). Daneben entwickelten sich ein politischer Journalismus (J.-P. Marat) und eine politische Lieddichtung.
 
Vorromantik, Romantik, Parnasse, Realismus, Naturalismus, Symbolismus (19. Jahrhundert):
 
Die Französische Revolution hatte - außer der politischen - eine gesellschaftliche Neuordnung nach sich gezogen, was auch das Ende der aristokratisch geprägten Salonkultur bedeutete. Eine Reihe der liberalen Opposition zugehöriger Schriftsteller verließ das Frankreich Napoleons I. und brachte die Erfahrungen des Exils in die französische Literatur ein. Die berühmteste Emigrantin, Germaine de Staël leitete in ihrem Werk »De la littérature. ..« (1804) aus der engen Verbindung des gesellschaftlichen, religiösen, staatlichen und literarischen Lebens die Eigenständigkeit der einzelnen Nationalliteraturen ab. Auch die nichtklassischen Epochen der französischen Literatur (z. B. Renaissance und Mittelalter) erhielten nun einen erhöhten Stellenwert. Mit ihrem Buch »De l'Allemagne« (1810) lenkte Madame de Staël den Blick v. a. auf die zeitgenössische deutsche Literatur und Philosophie, die sie als romantisch im Sinne von Verinnerlichung, Naturgefühl, Geniehaftigkeit und religiöser Inspiration verstand, und wies damit die Richtung für eine literarische Neuorientierung. Ein weiterer wichtiger Anreger war F. R. de Chateaubriand. In »Le génie du christianisme« (1802) betonte er die ästhetisch-emotionalen Aspekte des Christentums und seine die künstlerische Imagination stimulierenden Momente (auch als Absage an Rationalismus und religiöse Indifferenz der Aufklärung), in dem Roman »René« (1802) gestaltete er Subjektivismus und gefühlvolles (Natur-)Erleben, Kulturmüdigkeit, Einsamkeit, Passivität, innere Zerrissenheit und damit schon typisch romantische Themen und Stimmungslagen. Der Weltschmerz, dem das Bewusstsein des (geistigen) Exils zugrunde liegt, fand als literarisches Motiv Eingang in die französische Literatur. Das in ständiger Selbstreflexion erfahrene Leiden an der Welt ist auch Thema von É. P. de Senancours bekenntnishaftem Roman »Oberman« (1804); B. Constant de Rebecque beschrieb in seinem gleichfalls zum Teil autobiographischen Roman »Adolphe« (1816) eine gespaltene Persönlichkeit in scharfer psychologischer Analyse.
 
Die eigentlich romantischen Schriftsteller sammelten sich seit den 1820er-Jahren in den Cénacles zunächst um C. Nodier, später um V. Hugo. Die Lösung von den Normen der Klassik war verbunden mit einer Konzeption der Literatur als eines Mediums zeitgenössischer Befindlichkeit in ihren Widersprüchen, woraus sich die Suche nach einer neuen (philosophisch, religiös oder humanitär verstandenen) Idealität infolge des Verlusts der alten Ordnungen, zum Teil auch des Fortschrittsglaubens der Aufklärung, ergab. Besonders deutlich wurde das neue Dichtungs- und Selbstverständnis in der Lyrik. Bei A. de Lamartine verband sich melancholisch getönte Sensibilität (»Méditations«, 1820) mit religiöser Inspiration. Die Lyrik Hugos (»Odes et ballades«, 1826; »Les Orientales«, 1829; »Feuilles d'automne«, 1831; »Les contemplations«, 1856) reichte thematisch von der intimen Autobiographie bis zu philosophisch-religiösen und politisch-humanitären Fragestellungen bei deutlicher Wendung ins Visionäre und formal wegweisenden Freiheiten gegenüber der klassischen Poesie. In der distanzierten (Gedanken-)Lyrik A. de Vignys artikulierte sich die Problematik der der Gesellschaft entfremdeten (dichterischen) Existenz und damit eine stark pessimistische Weltsicht. Bei A. de Musset erfuhren romantisch-resignative Stimmungen (wie in seinen Dramen) zum Teil eine ironische Brechung. Die volkstümliche Lyrik P.-J. de Bérangers lässt die Opposition gegen die Bourbonen und die - verbreitete - innere Ablehnung des Restaurationsregimes erkennen. In der Folge von Nodier und zum Teil unter dem Einfluss der Übersetzungen von Werken E. T. A. Hoffmanns erschloss u. a. A. Bertrand, besonders aber G. de Nerval der Dichtung die Bereiche des Traumhaften, Fantastischen und Übersinnlichen und wirkte damit noch auf Symbolismus und Surrealismus.
 
Die Grundlegung einer neuen Ästhetik wurde von Hugo auf dem Gebiet des Dramas mit der Vorrede (»Préface«) zu »Cromwell« (1827) vollzogen. Das Theater sollte die Welt in ihrer Totalität zum Ausdruck bringen, Komödie und Tragödie, Sublimes und Groteskes sollten sich darin (nach dem Vorbild Shakespeares) verbinden. Das bedeutete auch eine Absage an die klassische Poetik und die Regel der drei Einheiten, eine Aufhebung der Stil- und Gattungsgrenzen und eine Orientierung nicht am idealtypisch Schönen, sondern am Individuellen und Charakteristischen. Hugos Drama »Hernani« (1830) entfachte einen zwischen Anhängern von Klassik und Romantik ausgetragenen Theaterskandal. Die Bedeutung des romantischen Dramas lag jedoch mehr im Ansatz zu formaler und thematischer Öffnung; trotz künstlerisch bedeutender Dramen (u. a. »Ruy Blas«, 1838, von Hugo, »Chatterton«, 1835, von Vigny, und »Lorenzaccio«, 1834, von Musset) ist ein Abgleiten ins Melodramatische zu beobachten. Die vom Drama erwartete Darstellung der Gesamtwirklichkeit wurde vom Roman vollzogen, der sich zur dominierenden Gattung entwickelte.
 
Aus dem Bewusstsein einer infolge der Revolution gewandelten Wirklichkeit (symptomatisch für das Grunderlebnis einer Generation zwischen Vergangenheit und Zukunft war Mussets Roman »Confessions d'un enfant du siècle«, 1836) und der Bedingtheit und Eigenwertigkeit geschichtlicher Epochen vollzog sich die Hinwendung zum historischen Roman, auch angeregt durch die Rezeption der Romane W. Scotts. Die historischen Romane dienten nicht nur der Evokation einer vergangenen Epoche, sondern waren häufig auch auf das Verständnis und die kritische Sicht der eigenen Zeit angelegt (»Cinq-Mars«, 1826, von Vigny; »Chronique du règne de Charles IX«, 1829, von P. Mérimée; »Quatre-vingt-treize«, 1874, von Hugo), auch wo das pittoreske Moment dominierte (wie in Hugos »Notre-Dame de Paris«, 1831, zugleich eine Umsetzung seiner anhand des Dramas formulierten romantischen Ästhetik im Roman). Der historische Roman nahm zum Teil Elemente des Abenteuerromans auf (»Les trois mousquetaires«, 1844; »Le comte de Monte-Cristo«, 1845-46; beide von A. Dumas père). Das Interesse an der Vergangenheit und das Verständnis für historische Zusammenhänge belebten auch die Geschichtsschreibung (J. Michelet, A. Thierry, A. de Tocqueville u. a.) und die Literaturkritik (C. A. de Sainte-Beuve). Die Romane Stendhals und H. de Balzacs, die sowohl historischen als auch zeitgenössischen Hintergrund haben, stehen am Beginn des großen realistischen Romans der französischen Literatur. Realistische Züge weisen schon die Novellen Mérimées (»Carmen«, 1845) auf, die romantische Motive (und zum Teil exotisches Milieu) in betont sachlicher Stil darstellen. Bei Stendhal wurde der Roman durch das Aufdecken psychologischer und gesellschaftlicher Mechanismen zum Mittel der kritischen Zeitspiegelung (»Le rouge et le noir«, 1830). Balzac stellte in seiner »Cómedie humaine« (1842-48) in minutiöser Beobachtung die Gesellschaft von der Französischen Revolution bis zur Zeit der Julimonarchie in ihren verschiedenen sozialen Schichten, ihrer Dynamik und ihren inneren Prinzipien dar. In anderer Weise traten in den späteren Romanen der romantischen Autoren soziale Probleme in den Vordergrund, so zum Teil bei George Sand; auch Hugo wurde in seinem Roman »Les misérables« (1862) zum Anwalt sozialer Reformen. Beide standen - neben einer Reihe weiterer Autoren - unter dem Einfluss der Ideen des sozialistisch orientierten Katholizismus (H. F. R. de Lamennais) sowie des Frühsozialismus (C. H. de Saint-Simon, C. Fourier, P. J. Proudhon u. a.). E. Sue griff in seinem Roman »Les mystères de Paris« (1842/43), H. Murger in »Scènes de la (vie de) Bohème« (1851) die soziale Thematik in sentimental-klischeehafter Form auf. Waren besonders seit der Julirevolution von 1830 viele Autoren auch politisch engagiert und mit ihren Werken zum Teil zu Trägern oppositioneller demokratisch-liberaler Ideen geworden (z. B. Lamartine, Vigny, Hugo), so hatten die gescheiterte Revolution von 1848, der Staatsstreich Napoleons III. und die Errichtung des Zweiten Kaiserreichs zu ihrem Rückzug aus dem öffentlichen Leben geführt.
 
Entgegen einer für religiöse, moralische oder politischen Zielsetzungen engagierten Literatur vertrat T. Gautier das Prinzip des »L'art pour l'art« und damit der Zweckfreiheit und Eigengesetzlichkeit der Kunst. Mit seiner Lyrik (»Émaux et camées«, 1852) wurde er richtungweisend für die Dichtung des Parnasse. Dieser verband eine Poesie von höchster (in Analogie zur bildenden Kunst verstandener), artistisch ausgefeilter Formstrenge mit dem Willen zu unpersönlich-objektiver Gestaltung und stellte so eine bewusste Reaktion auf die subjektiv-gefühlhafte Dichtung der Romantik dar. Zu den Parnassiens gehörten u. a. C.-M.-R. Leconte de Lisle, T. de Banville, J.-M. de Hérédia, L. Dierx und Sully Prudhomme. Die Kunstauffassung des L'art pour l'art und dezidiertes Ästhetentum charakterisieren auch die Lyrik C. Baudelaires, die - ausgehend von einer Analogie zeichenhaft aufeinander verweisender Elemente des Universums - eine Dekomposition und Neuschöpfung der Wirklichkeit vollzog (»Les fleurs du mal«, 1857) und (auch mit ihrer Laut- und Sprachsymbolik) zum Vorläufer des literarischen Symbolismus wurde. Die Grenzen der Verslyrik sprengte Baudelaire im Prosagedicht, das er - nach formalem Vorbild von A. de Bertrand (»Gaspard de la nuit«, 1842) und M. de Guérin - wie seine Versdichtung zum Ausdrucksträger einer spezifisch »modernen« Lebenswelt gestaltete (»Le spleen de Paris«, herausgegeben 1869).
 
Auch die Prosa wandte sich von romantischen Prinzipien ab. Neue Impulse gingen von G. Flaubert aus, der den Roman zu einem Mittel objektivierender Darstellung äußerer Verhältnisse und seelischer Vorgänge entwickelte (»Madame Bovary«, 1857); sein Verzicht auf das wertende Urteil des Autors - von den Zeitgenossen voller Empörung abgelehnt - gab dem Roman des 20. Jahrhunderts wesentliche Anregungen. Der realistischen Ästhetik sind zum Teil auch A. Daudet (»Lettres de mon moulin«, 1869) und E. Fromentin (»Dominique«, 1863) verpflichtet.
 
Seit der Jahrhundertmitte hatte sich der Positivismus A. Comtes mit seinem an der naturwissenschaftlichen Methode orientierten Bemühen um den Nachweis der Gesetzmäßigkeit aller Erscheinungen in verschiedenen Disziplinen ausgewirkt (z. B. in der Religionswissenschaft E. Renans und der Historiographie H. Taines). Dieser positivistische Ansatz, experimentelle Verfahren der Medizin (besonders C. Bernard) sowie Thesen der Evolutionstheorie (v. a. C. Darwin) und der Milieutheorie (Taine) schlugen sich in der Literatur im Naturalismus nieder. Er wurde vorbereitet durch die Romane der Brüder E. und J. de Goncourt und von É. Zola programmatisch ausgebaut. Literatur sollte zum Instrument wissenschaftlicher Erkenntnis werden. In seiner Romanfolge »Les Rougon-Macquart« (1871-93) stellte Zola die Geschichte einer zeitgenössischen Familie in verschiedenen (besonders auch proletarischen) Milieus in den ihre Entwicklung determinierenden genetischen, physiologischen und sozialen Faktoren mit äußerster Detailgenauigkeit dar; die Beschreibung sozialer Missstände sollte zugleich zu deren Beseitigung beitragen. G. de Maupassant verband in seinen auf scharfe Beobachtung gegründeten sittengeschichtlichen Novellen und Romanen naturalistische Darstellungsweise mit ausgeprägtem Formwillen. Autoren naturalistischer Dramen mit sozialkritischen Impuls waren u. a. H. Becque, J. Renard und O. Mirbeau, während die im Zweiten Kaiserreich besonders beliebten (u. a. in der Nachfolge der Lustspiele E. Scribes stehenden) Vaudevilles, Intrigenstücke und Sittenkomödien (z. B. von V. Sardou, E. Labiche, G. Feydeau) die Ideologie und das Selbstverständnis der bürgerlichen Gesellschaft stützten; kritische Akzente setzten v. a. É. Augier und A. Dumas fils.
 
In bewusster Abkehr von Positivismus und Naturalismus entwickelte sich die symbolistische Dichtung. Sie wollte kein Abbild der Wirklichkeit bieten, sondern hinter den äußeren Erscheinungen zeichenhaft verborgene Seins- und Bewusstseinsschichten evozieren; an die Stelle begrifflich definierbarer Ideen trat die Vieldeutigkeit der Symbole. Charakteristika symbolistischer Poesie sind v. a. poetische Verschlüsselung, Analogie verschiedener Sinn- und Seinsbereiche andeutende assoziative Klangwirkungen, Synästhesien, Überlagerung von (heterogenen) Bildern und hohe sprachliche Musikalität (die besonders von P. Verlaine in seinem Gedicht »Art poétique«, 1885, gefordert wurde). Traditionelle logische Zusammenhänge wurden aufgebrochen, die Sprache konnte eine (irreale) Eigendynamik entwickeln (A. Rimbaud, »Le bateau ivre«, 1883, und »Illuminations«, 1886), die Suche nach dem Absoluten führte zu höchster sprachlicher Abstraktion (S. Mallarmé, »L'après-midi d'un faune«, 1876, und »Un coup de dés«, 1897). Die Lyrik Rimbauds und Mallarmés war von großem Einfluss auf den Surrealismus und die chiffrenhafte, hermetische Lyrik des 20. Jahrhunderts (auf den Surrealismus wirkten auch das außerhalb einer literarischen Richtung im engeren Sinn stehende Prosagedicht »Chants de Maldoror«, 1869, von Lautréamont - wie das Werk Rimbauds Ausdruck von Anarchie und Revolte). Weitere symbolistische Lyriker waren u. a. J. Moréas, J. Laforgue, G. Kahn, P. Fort, H. de Régnier, T. Corbière, R. Ghil, F. Jammes, É. Verhaeren und G. Rodenbach. Das symbolistische Theater verlegte die Handlung völlig ins Innere der Figuren (M. Maeterlinck, »Les aveugles«, 1891) und hob damit die raum-zeitliche Wirklichkeit auf. Auch im Roman wurde die Wendung ins Innere des Bewusstseins vollzogen (P. Bourget, »Le disciple«, 1889; J.-K. Huysmans, »À rebours«, 1884), andere Autoren begegneten der Wissenschaftsgläubigkeit der Dritten Republik mit einer Hinwendung zum Mystizismus (Huysmans), zum Fantastischen, zum Okkultismus (P. A. M. de Villiers de l'Isle Adam) und zum Exotismus (P. Loti). Vom Symbolismus kaum zu trennen ist die Dichtung der »Décadence« und des »Fin de Siècle« mit ihrem in Abgrenzung von der bürgerlichen Lebenswelt entwickelten Kult des ästhetisch Überfeinerten, Nervösen und Morbiden und aus dem Bewusstsein einer kulturellen Spätphase erwachsener pessimistischer Haltung. Bei A. France wird die Fin-de-Siècle-Stimmung durch Skepsis, Ironie und einen ästhetischen Klassizismus ausbalanciert. Die Abkehr vom Positivismus drückte sich auch in der spiritualistischen Philosophie von H. Bergson aus.
 
Eine Wende gegen den positivistisch-deterministischen Zeitgeist und eine Antwort auf die laizistische Politik der Dritten Republik brachte auch die gegen Ende des Jahrhunderts einsetzende Bewegung des Renouveau catholique (zunächst v. a. mit L. Bloy, Huysmans, P. Claudel, C. Péguy, Jammes), die auf eine Erneuerung von Literatur und Gesellschaft aus dem Glauben zielte. Sie verband sich zum Teil mit Bestrebungen zu einer nationalen Erneuerung nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und nach den innenpolitischen Krisen der Dritten Republik (v. a. der Dreyfusaffäre), die zu einer Polarisierung des öffentlichen Lebens geführt hatten. Die nationalistische Bewegung (deren konservativ-antidemokratischer Flügel sich 1898 in der »Action française« u. a. um C. Maurras und L. Daudet organisierte) bewirkte zum Teil auch eine Abkehr vom ästhetischen Individualismus der literarischen Décadence, z. B. bei M. Barrès, der sich einem katholischen Nationalismus und einem mystischen Kult der Heimat zuwandte (»Les déracinés«, 1898). Dem standen Versuche einer Versöhnung nationaler und sozialistischer Ideen (Péguy) und die kosmopolitische Haltung R. Rollands gegenüber.
 
20. Jahrhundert:
 
Die Jahrhundertwende brachte keine Zäsur in den gegensätzlichen politischen und gesellschaftlichen Positionen, ebenso wenig in den literarischen Richtungen. 1909 wurde (unter Leitung von J. Rivière, später von J. Paulhan) die einflussreiche Literaturzeitschrift »La Nouvelle Revue Française« (NRF) begründet, die - ohne ideologische Bindung - das literarische Leben im Sinne sublimierten Formbewusstseins und analytisch-psychologisierender Gestaltung zu fördern suchte und damit gegen naturalistische wie zum Teil symbolistische Konzepte gerichtet war. Im Verlag der NRF erschienen u. a. die Werke von P. Claudel, A. Gide, M. Proust und P. Valéry. Vom Symbolismus kommend, eröffnete Gide dem psychologischen Roman neue Wege in der Darstellung der aus inneren Widersprüchen und der Befreiung aus traditionellen (besonders moralischen und religiösen) Bindungen intendierten Selbstfindung (»L'immoraliste«, 1902; »Les caves du vatican«, 1914). Proust nahm in seinem Roman »À la recherche du temps perdu« (1913-27) eine Analyse der französischen Gesellschaft vom Ausgang des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkrieges vor. Ästhetisch wegweisend wurde die den Prozess der (unwillkürlichen) Erinnerung nachzeichnende Erfassung der Wirklichkeit, die die äußere, sachlich-chronologische Folge durch einander überlagernde Erzählschichten aufbrach und die innere, erlebte Zeit zum Gestaltungsprinzip erhob. Valéry hatte die symbolistische Lyrik schon früh aufgegeben und mit dem romanartigen, später mehrfach ergänzten Text »Une soirée avec Monsieur Teste« (1895) eine streng intellektuelle Literatur erprobt. Auch die Gedichte, die er erst wieder ab 1917 veröffentlichte (»La jeune parque«; »Charmes«, 1921), lassen seine Suche nach der reinen Idee, die alle Zufälligkeiten überwunden hat, erkennen.
 
Der Erste Weltkrieg wurde aus unmittelbarem Erleben und als Anklage ohne heroisierende Tendenz besonders von H. Barbusse (»Le feu«, 1916) und R. Dorgelès (»Les croix de bois«, 1919) literarisch verarbeitet. Darüber hinaus spiegelte sich die als Bruch mit kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen empfundene Erfahrung in der französischen Literatur auf vielfältige Weise, v. a. aber in der Bewegung des Surrealismus, die mit der radikalen Veränderung der poetischen Sprache als Absage an etablierte Ordnungssysteme auch die Umwandlung traditioneller gesellschaftlicher Strukturen intendierte. Dichtung sollte sich in der Écriture automatique als spontaner, nicht rational gesteuerter Ausdruck des Unbewussten artikulieren. Wichtigster Theoretiker des Surrealismus wurde A. Breton (»Manifeste du surréalisme«, 1924); alle surrealistischen Dichter hatten enge Beziehungen zur zeitgenössischen bildenden Kunst.
 
Ein Vorläufer des Surrealismus war G. Apollinaire (»Alcools«, 1913; »Calligrammes«, herausgegeben 1918), er interpretierte die Realität neu durch Aufhebung aller logischen Zusammenhänge, assoziative Verknüpfung des Ungleichartigen sowie freie Handhabung grammatischer und syntaktischer Strukturen. Damit prägte er die spätere surrealistische Poesie P. Éluards (»Capitale de la douleur«, 1926) und L. Aragons entscheidend. Für das surrealistische Drama waren wichtige Impulse von A. Jarry ausgegangen, dessen »Ubu roi« (1896) Elemente des Fantastischen und Grotesken sowie antiillusionistische Spielformen mit bewusster Schockwirkung im Sinne eines Angriffs auf traditionelle (bürgerliche) Normen verband. Seine dramatischen Techniken wurden von Apollinaire (»Les mamelles de Tirésias«, 1917) und R. Vitrac (»Victor ou les enfants au pouvoir«, 1930) fortgeführt. Im Geist des Surrealismus und in Abwendung vom psychologischen Drama entwickelte später A. Artaud seine Theorie des Theaters (»Le théâtre et son double«, 1938), das er unter Einbeziehung aller künstlerischer Darstellungsmittel auf seine rituellen Ursprünge zurückführte. In der Prosa wurden die surrealistischen Erfahrungen besonders von Breton (»Nadja«, 1928), P. Soupault und Aragon (»Le paysan de Paris«, 1926) poetisch umgesetzt. Ende der 20er-Jahre zerfiel die surrealistische Bewegung, ihre schöpferischen Impulse blieben jedoch weiterhin wirksam.
 
Die Zeit zwischen den Kriegen war von einer Vielzahl weiterer literarischer Tendenzen geprägt. Neben dem neue ästhetische Dimensionen eröffnenden Werk Prousts wurde der traditionelle Gesellschaftsroman (in der Nachfolge Balzacs und Zolas zum Teil auch in zyklischer Form, »roman fleuve«) als Geschichte einer Familie oder einer sozialen Gruppe vor dem Hintergrund zeithistorischer Entwicklungen und Probleme fortgeführt (so schon in »Jean Christophe«, 1904-12, von Rolland, später in »Vie et aventures de Salavin«, 1920-32, und »La chronique des Pasquier«, 1933-41, von G. Duhamel, in »Les Thibault«, 1922-30, von R. Martin du Gard und in »Les hommes de bonne volonté«, 1932-46, von J. Romains). Eine idealistische Gemeinschaftsideologie kennzeichnete die literarische Richtung des »Unanimisme«, der u. a. Romains und Duhamel angehörten; sie versuchte, die vielfältigen Aspekte der Wirklichkeit durch die Darstellung des Kollektivbewusstseins auf verschiedenen Ebenen der Gruppenbildung nachzuzeichnen, wobei sie sich auch der Simultantechnik bediente. - Die traditionelle Gattung des psychologischen Romans griffen u. a. A. Maurois und Sidonie-Gabrielle Colette (»Chéri«, 1920) auf. Die psychologische Analyse ist auch charakteristisch für die den »Renouveau catholique« fortführenden Romane, besonders von G. Bernanos, J. Green und F. Mauriac, die den Antagonismus von Sünde und Gnade in unterschiedlicher Weise reflektieren (z. B. in »Sous le soleil de satan«, 1926, und »Journal d'un curé de campagne«, 1935, von Bernanos, »Adrienne Mesurat«, 1927, und »Léviathan«, 1929, von Green sowie »Le baiser au lépreux«, 1922, und »Thérèse Desqueyroux«, 1927, von Mauriac). Anders als bei Claudel und früheren Vertretern dieser Bewegung kommen darin - neben religiöser Unruhe - auch Angst, Einsamkeit und das Gefangensein in starren Bindungen zum Ausdruck. Der regionalistische Roman nahm in der Hinwendung zu Natur und Landschaft zum Teil christlich-pantheistische oder mythisch-mystische Färbung an (J. Giono, H. Bosco, A. Chamson). Verbundenheit mit der heimatlichen südfranzösischen Landschaft zeigen auch die Erzählungen (und Dramen) M. Pagnols. Regionalistische Aspekte weist ferner die literarische Richtung des »Populisme« auf, die das Milieu der kleinen Leute realistisch beschrieb. Entgegen dessen naturalistische Tendenz artikulierten sich im Roman auch betont individualistische Haltungen, wie bei Gide und - auf andere Weise - bei H. de Montherlant, dessen erzählerisches und (späteres) dramatisches Werk (»La reine morte«, 1942) von individualistischer Moral und geistigem Aristokratismus durchdrungen ist. Selbstverwirklichung durch einen heroischen Akt im Engagement für die Gemeinschaft thematisierte dagegen A. de Saint-Exupéry als humanistisches Ideal (»Courrier sud«, 1928, »Terre des hommes«, 1939). In den Romanen A. Malraux' wurde die Selbstfindung in Verbindung mit einer revolutionären Aktion vor dem Hintergrund metaphysischer Problematik dargestellt (»Les conquérants«, 1928, »La condition humaine«, 1933). Außerhalb jeder literarischen Richtung war das Werk L.-F. Célines durch seine geistige Protesthaltung und seine anarchische Züge (sowie seine nonkonformistische Sprache) Ausdruck einer (geistigen) Krisensituation (»Voyage au bout de la nuit«, 1932).
 
In der Lyrik waren - neben dem Surrealismus - Einflüsse des Symbolismus weiterhin spürbar, zum Teil überlagerten sich beide Strömungen (R. Char, H. Michaux), zum Teil war die Dichtung - wie bei Claudel - kosmisch-universal ausgerichtet (Saint-John Perse, »Anabase«, 1924, J. Supervielle, P.-J. Jouve, P. Emmanuel); im Umkreis der surrealistischen Bewegung standen u. a. M. Jacob, P. Reverdy, L. P. Fargue und R. Desnos.
 
Facettenreich - obwohl im Wesentlichen traditionell - war auch das Theater. Neben dem Drama im Geist des »Renouveau catholique« (Claudel, »Le soulier de satin«, 1929) standen das psychologische Drama (C. Vildrac) und das Ideendrama (Romains) in Komödienform, die poetische Farce (M. Achard), das sozialkritisch akzentuierte (A. Salacrou) und das mehr volkstümliche Lustspiel (Pagnol); auch das Boulevardtheater lebte wieder auf (S. Guitry, E. Bourdet). Eine experimentelle Grundhaltung im Sinne einer Synthese verschiedenster künstlerischer Ausdrucksmittel und Stilformen kennzeichnet das Theater J. Cocteaus. Einen skeptischen Unterton lassen die teils ironische, teils pessimistische Stücke von J. Giraudoux und J. Anouilh erkennen. Typisch für viele Autoren dieser Zeit war der Rückgriff auf antike Mythen, biblische und historische Stoffe, zum Teil zur kritischen Darstellung der Zeitsituation (»Orphée«, 1926, von Cocteau; »La guerre de Troie n'aura pas lieu«, 1935, von Giraudoux, später »Antigone«, 1946, von Anouilh).
 
Die politische Instabilität Europas zwischen den Weltkriegen (u. a. Krise des Parlamentarismus, Spanischer Bürgerkrieg und das Aufkommen von Faschismus und Nationalsozialismus) hatte - besonders seit 1930 - eine Reihe von Schriftstellern zu entschiedenen Stellungnahmen (z. B. Bernanos in seinem antifaschistischen Pamphlet »Les grands cimetières sous la lune«, 1938), zu aktivem Eingreifen (z. B. Malraux durch die Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg aufseiten der Republikaner - literarisch gestaltet in seinem Roman »L'espoir«, 1937), zum Teil auch zu direktem politischem Engagement (z. B. Aragon und Éluard im Rahmen der kommunistischen Partei, R. Brasillac und P. Drieu la Rochelle aufseiten der extremen politischen Rechten) geführt. Während des Zweiten Weltkriegs und der Zeit der Okkupation wurde die Literatur verstärkt zum Ausdruck politischer Ideen. Zahlreiche Schriftsteller (neben Aragon, Éluard und Malraux u. a. J.-P. Sartre und A. Camus) schlossen sich der Résistance an; der Widerstand artikulierte sich literarisch - mehr oder weniger direkt - besonders in Lyrik (Aragon, Éluard), Drama (»Les mouches«, 1943, von Sartre) und Essay. Die Erfahrung von Krieg und Résistance war bestimmend für die französische Existenzphilosophie und die Philosophie des Absurden, die, besonders von Sartre und Camus vertreten, auch in deren im engeren Sinn literarische Werk eingingen (bei Sartre u. a. in den Roman »Les chemins de la liberté«, 1945-49, und in das Theaterstück »Huis clos«, 1945; bei Camus in den Roman »L'étranger«, 1942, und den Essay »Le mythe de Sisyphe«, 1942); dabei wurde der individualistische Ansatz von Sartre in Richtung einer (revolutionären) politischen und gesellschaftlichen Praxis (vor dem Hintergrund der marxistischen Ideologie) weiterentwickelt und Literatur entsprechend im Sinne des politischen Engagements (»littérature engagée«) verstanden. Bei Camus wurde aus der nihilistischen Erfahrung einer absurden Welt eine humanitäre Ethik ohne ideologische Bindung (z. B. in dem Roman »La peste«, 1947). Simone de Beauvoir verband den sartreschen Existenzialismus mit einer Reflexion über die Rolle der Frau in der Gesellschaft (»Le deuxième sexe«, 1949); sie wurde zu einer wichtigen Theoretikerin der Frauenbewegung.
 
War die französische Literatur im unmittelbaren Umfeld des Existenzialismus an traditionellen Mustern orientiert, so beschritten das absurde Theater und der Nouveau Roman in den 50er-Jahren auch formal neue Wege. Das »Nouveau théâtre« zeigte - als dramatisches Gleichnis der Absurdität des (menschlichen) Daseins - zwar ideelle Bezüge zum Existenzialismus, wollte jedoch keine Botschaft übermitteln und distanzierte sich damit deutlich von der »littérature engagée«. Nicht an der Realität orientiert, verweist es im Verzicht auf das ästhetische Prinzip der Nachahmung auf entsprechende Ansätze bei Jarry und den Surrealisten. Das Bühnengeschehen führt die traditionelle Handlung sowie die Gesetze der Logik ad absurdum; die austauschbaren Figuren, ihre Kommunikationslosigkeit und die Absurdität schlechthin spiegelt sich in einer sinnentleerten Sprache. Die bedeutendsten Vertreter des absurden Theaters sind E. Ionesco, der u. a. sprachliche Mechanismen reflektierte (»La cantatrice chauve«, 1953; »Les chaises«, 1954; »Les rhinocéros«, 1959), und S. Beckett, dessen Dramen von zunehmender Reduktion aller darstellerischen Mittel und einer endzeitlichen Perspektive geprägt sind (»En attendant Godot«, 1952; »Fin de partie«, 1957). Auch J. Genet (»Les bonnes«, 1948; »Le balcon«, 1956) und F. Arrabal, deren Dramen häufig als rituelles Spiel angelegt sind, sowie J. Tardieu, G. Schehadé, J. Audiberti und A. Adamov gehören - zumindest mit einem Teil ihrer Stücke - zum absurden Theater.
 
Ebenso wurde im Nouveau Roman die Kohärenz der Welt infrage gestellt und diese Beziehungslosigkeit mit neuartigen Erzähltechniken umgesetzt. An die Stelle einer zusammenhängenden Handlung tritt ein vielschichtiges Netz von Bezügen; die traditionelle Romanfigur erscheint aufgehoben oder doch peripherisch Konstitutiv für die Darstellung ist eine (u. a. durch die phänomenologische Methode angeregte) rein deskriptive Technik; die oberflächenhaft-registrierende Beschreibung eröffnet keine Deutungen und Bedeutungen im herkömmlichen Sinn; angesichts einer als unüberschaubar empfundenen Wirklichkeit wird auch der Erzähler als Ordnungen und Bezüge stiftendes darstellerisches Moment aufgegeben. Bedeutende theoretische Beiträge zum Nouveau Roman lieferten v. a. Nathalie Sarraute (»L'ère du soupçon«, 1957) und A. Robbe-Grillet (»Pour un nouveau roman«, 1963). Häufig wird die theoretische Diskussion über die Möglichkeiten des Schreibens in den Roman integriert und die Reflexion über den Roman zum Thema des Romans selbst; generell verlagert sich der Schwerpunkt vom Gegenstand auf die Form der Darstellung. Im Überschreiten der Gattungsgrenzen kann der Roman sich auch mit anderen Medien verbinden (z. B. mit dem Film in Robbe-Grillets »L'année dernière à Marienbad«, 1961, und in Marguerite Duras' »Hiroshima, mon amour«, 1959). Neben Robbe-Grillet (»Les gommes«, 1953; »Le voyeur«, 1955; »La jalousie«, 1957), Nathalie Sarraute (»Le planétarium«, 1959), M. Butor (»L'emploi du temps«, 1956; »La modification«, 1957), C. Simon (»La route de Flandres«, 1960; »Triptyque«, 1973) und Marguerite Duras (»Moderato cantabile«, 1958) werden dieser Richtung u. a. R. Pinget, C. Ollier, C. Mauriac und J. Ricardou zugerechnet; Erzähltechniken des Nouveau Roman verwendeten u. a. auch J. Cayrol und J. M. Le Clézio. In den folgenden Jahren verlagerte sich das Interesse der Autoren dieser Richtung zunehmend auf die Sprache als Material der Literatur (F. Ponge).
 
Auch die Lyrik nach 1945 war - unter dem Einfluss von Dadaismus und Surrealismus - zum Teil experimentell ausgerichtet, so der »Lettrisme«, eine Art konkreter Poesie, die sich durch die Verselbstständigung lautlicher und grafischer Elemente der bildenden Kunst annäherte (I. Isou), und der »Spatialisme« (P. Garnier), der durch einen ähnlich spielerischen Umgang mit der Sprache gekennzeichnet ist. Zum Ausdruck des Protests wurde die Lyrik - in Form bewusster Antipoesie - im Zusammenhang mit der Studentenrevolte von 1968 und der sich durch sie artikulierenden politischen und gesellschaftlichen Kritik (D. Biga, F. Venaille, L. Francœur, P. Delbourg). Problematisierung sprachlicher Ausdrucksfähigkeit zeigt die Lyrik im Umfeld neuerer literaturkritischer Ansätze (M. Deguy, D. Roche, M. Pleynet, J. Roubaud, J. Réda). Reflexion über Sprache als Dichtungs- und Erkenntnistheorie verbindet auch die Lyrik von Michaux, Char, Y. Bonnefoy und Ponge. In Michaux' meditativer Dichtung verschränken sich philosophisch-mystische Züge mit Elementen des Magischen und Fantastischen. Eine zunehmend philosophische Ausrichtung prägt auch die hermetische Lyrik Chars und Bonnefoys. Ponge beeinflusste mit seiner phänomenologisch-deskriptiven Poesie die Erzähltechniken des Nouveau Roman. Gegenüber dieser esoterischen Lyrik erreichte das literarische Chanson (J. Prévert, G. Brassens, J. Brel) große Breitenwirkung.
 
Im Bereich des Dramas bestanden - neben dem absurden Theater - auch nichtexperimentelle, in der Konzeption von Fabel, Figur und Dialog traditionell orientierte Formen weiter (u. a. bei Anouilh). Das absurde Drama - besonders seit den 60er-Jahren und der Rezeption B. Brechts in Frankreich - öffnete sich teilweise gegenüber der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit und erhielt durch die Ereignisse von 1968 neue Impulse. Dramen mit deutlich politisch-sozialkritischer Absicht verfassten u. a. A. Gatti, der spätere Adamov und zum Teil Arrabal. Neue, »kollektive« Darstellungsformen unter Einbeziehung des Publikums - zum Teil unter dem Einfluss Brechts und des Living Theatre - erprobte das »Théâtre du soleil« (mit der Regisseurin Ariane Mnouchkine) mit dem Ziel, Anstöße zu kritischem Verständnis gesellschaftlicher Strukturen und zu politisch engagierter Haltung zu vermitteln. In den 80er-Jahren kamen neue Anregungen durch die Stücke von B.-M. Koltès (»Quai Ouest«, 1985) und M. Vinaver (»Portrait d'une femme«, 1986).
 
Auch im Roman setzten sich - neben den avantgardistischen Strömungen - in Handlungsaufbau und Psychologie der Romanfigur überkommene Muster fort. Welterfolge der französischen Literatur der 50er-Jahre waren »Mémoires d'Hadrien« (1951) von Marguerite Yourcenar und »Bonjour Tristesse« (1954) von Françoise Sagan. M. Tournier, R. Merle und R. Gary gestalteten in moderner Form publikumswirksame historische, mythologische beziehungsweise fantastische Stoffe. In der Nachfolge des Naturalismus stehen H. Bazin und Françoise Mallet-Joris, den regionalistischen Roman führten u. a. Giono, M. Genevoix, J. Carrière, J.-P. Chabrol und B. Clavel fort, den Roman christlicher Inspiration L. Estang. Surrealistische Anklänge wurden u. a. bei J. Gracq, Cayrol und A. Pieyre de Mandiargues spürbar. Weitgehend traditionelle Formensprache verbanden R. Queneau und G. Perec mit Elementen von Sprachspiel und Sprachexperiment. Seit den 60er-Jahren entstand - zum Teil in Wechselwirkung mit literaturtheoretischen Diskussionen - eine im Ansatz unterschiedlich akzentuierte Frauenliteratur, die auch eine den spezifisch feministischen Erfahrungen analoge Sprache entwickelt (Hélène Cixous, Chantal Chawaf, Christiane Rochefort, Monique Wittig u. a.).
 
In der erzählerischen Prosa der 60er- und 70er-Jahre ist eine Hinwendung zur Retrospektive zu erkennen, die sich u. a. im historischen und autobiographischen Roman sowie allgemein in literarischen Biographien, Autobiographien, Memoiren und Tagebüchern manifestiert; dabei verbindet sich die Recherche der Vergangenheit mit der kritischen Aufarbeitung der Geschichte im Hinblick auf die Gegenwart, mit universalen existenziellen Themen sowie der Suche nach der eigenen Identität (Marguerite Yourcenar, J. Cabanis, Cayrol, A. Cohen, P. Modiano, Le Clézio, C. Mauriac).
 
Wichtige Impulse für die zeitgenössische französische Literatur gingen von der Literaturkritik aus. Bereits in den literaturtheoretisch-essayistischen Werken von G. Bataille, M. Blanchot und G. Bachelard war der im engeren Sinn literarischer Aspekt eng mit der Reflexion über Sprache verbunden; diese wird besonders seit den 60er-Jahren im Rahmen der »Nouvelle critique« im Umkreis der Zeitschriften »Tel Quel« (um P. Sollers; gegründet 1960, seit 1983 »L'infini«) und »Change« (um J.-P. Faye; gegründet 1968) weitergeführt. Ausgehend von der strukturalistischen Methode verschiedener Humanwissenschaften, z. B. der Linguistik (F. de Saussure, R. Jakobson), der Phänomenologie (M. Merleau-Ponty), der Psychoanalyse (J. Lacan), der Ethnologie und Kulturanthropologie (C. Lévi-Strauss, M. Foucault, M. Leiris) sowie der marxistischen Gesellschaftstheorie (L. Althusser), wurde das literarische Kunstwerk aus seinem historischen und existenziellen Kontext gelöst und als autonomes System wechselseitig aufeinander verweisender Zeichen Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Analyse. Zu den Vertretern der »Nouvelle critique« gehörten u. a. R. Barthes (»Le degré zéro de l'écriture«, 1953; »Sur Racine«, 1963), T. Todorov, G. Genette, J. Starobinski, L. Goldmann, Ollier, D. Roche, Faye, Sollers, Hélène Cixous und Julia Kristeva. Ende der 60er-Jahre setzte eine poststrukturalistische Phase der Kritik ein (»Nouvelle nouvelle critique«), die sich besonders dem sprachlichen Prozess in seiner Geschichtlichkeit und der Rolle des Subjekts im Rahmen sprachlicher Produktivitätsentfaltung zuwandte.
 
Nach dem »terreur théorique« öffnete sich die französische Literatur in den 70er - und 80er -Jahren. Im Gegensatz zur hermetischen Selbstbezogenheit des Nouveau Roman wurden wieder Geschichten erzählt (Le Clézio, Sylvie Germain). Aus der seit dem Autorenkino existierenden engen Verbindung zwischen Literatur und Film etablierten sich Kriminalroman (J.-C. Izzo, * 1945, ✝ 2000; D. Pennac, * 1944; J.-C. Grangé, * 1961; Fred Vargas, * 1957), Science Fiction und Comic als breite Gegenkultur. Die wechselseitige Beeinflussung äußerte sich in einem unkonventionellen Stil und einer verkürzten Alltagssprache. Durch Verfilmungen ihrer Romane gelangten junge Autoren wie P. Djian (»Betty Blue. 37,2 º am Morgen«) und P. Bruckner (*1948, »Bitter Moon«) zu internationaler Bekanntheit. Den Nerv der 80er -Jahre traf besonders Kultautor Djian, der in seinen Romanen Probleme des Alltags und menschlicher Beziehungen mit humorvollem Stil beschreibt.
 
 
Die aktuelle literarische Landschaft in Frankreich ist vielgestaltig. Wahrnehmungsformen und Erfahrungsfelder differenzierten sich unter dem Einfluss der neuen Medien. Mythen und Fortschrittsglaube verloren ihren Pathos, während die Bedeutung der Privatsphäre stieg. Die ästhetischen Stilmittel sind heute so vielfältig wie die Themen und werden zwanglos kombiniert. Sowohl Vertreter des Neo-Nouveau Roman wie J. - P. Toussaint (* 1957) und F. Bon (* 1953), als auch so unterschiedliche Autoren wie J. Échenoz, J. Rouaud (* 1952), Leslie Kaplan (* 1943) oder Y. Queffélec setzen sich auf spielerischem Weg kritisch mit der Realität und Privatsphäre auseinander. Das für die Literatur der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert typische Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion entspringt häufig einem Quell kommerzieller Interessen, literarischer Moden und politischer Ereignisse. Markant ist die ungekünstelte, knappe Sprache, mit der westliche Konsumgesellschaft, Sexualität und Liebe in Zeiten der Globalisierung thematisiert werden. Zu Frankreichs umstrittensten Autoren zählen derzeit neben M. Houellebecq, dessen provokant-aggressiver Stil heftige Debatten auslöste, F. Beigbeder (* 1965), Cathérine Breillat (* 1948), Virginie Despentes (* 1969) und Catherine Millet (* 1948). Wortschöpfungen wie »Deprimismus« oder »nouvelle pornographie« versuchen diesen Trend voll moralischer Leere, Zynismus und Kulturpessimismus zu beschreiben. Der absurde Humor C. Osters (* 1949) zeigt eine andere Form der Auseinandersetzung mit menschlichen Sehnsüchten und Schwächen. Marie N'Diaye (* 1967), Marie Darrieussecq (* 1969), Hélène Lenoir (* 1955), Paule Constant (* 1944) und Emmanuèle Bernheim (* 1949) sind Vertreterinnen einer selbstbewussten, feministischen, phantasievollen, teils skurrilen Literatur. Aufmerksamkeit erregte im Herbst 2001 die Neuübersetzung der Bibel von zwanzig prominenten Autoren (u. a. F. Boyer, * 1961; Bon, Échenoz, Roubaud, N'Diaye, L. Benoziglio, * 1941; V. Novarina, * 1948). Stilistisch anspruchsvoll wurde der hebräische und griechische Urtext in eine moderne, knappe Sprache in Versform und Prosa übertragen. Die höchsten Wachstumsraten auf dem französischen Buchmarkt verzeichnen gegenwärtig jedoch Comics unterschiedlichster literarischer Richtungen.
 
In der französischen Lyrik der 90er -Jahre gibt es wenig neue Tendenzen. P. Jaccottet und J. Réda (* 1929) setzen sich, dem Ideal des einfachen Stils folgend, in ihren lyrischen Werken mit dem Leben und Sterben und der Natur auseinander. Von der Vielseitigkeit der französischen Sprache inspiriert, entfalten die wortgewaltigen, intelligenten wie ebenso absurden Dichtungen Novarinas häufig erst auf der Bühne ihre volle Wirkungskraft. Mit seinen experimentellen Theaterstücken um Wort, Raum, Zeit, Körper, Musik und Tanz durchbricht er alle konventionellen Schranken. Im Bereich des Dramas gelangte in den 80er - und 90er -Jahren besonders Yasmina Reza mit ihren melancholisch angehauchten Komödien zu internationaler Anerkennung. Ganz in der Tradition des Konversationstheaters erzielt sie dabei mit geringen Mitteln große dramatische Wirkung.
 
 Französische Literatur in Belgien
 
Obgleich es im Gebiet des heutigen Belgien seit dem Mittelalter eine Literatur in französischer Sprache gab, wird als französische Literatur in Belgien im Allgemeinen nur die seit der Begründung des unabhängigen Staates Belgien (1830/31) dort entstandene französisch-sprachige Literatur bezeichnet. Obwohl belgische Schriftsteller, v. a. in der Wahl ihrer Stoffe, häufig heimischer Traditionen verpflichtet waren, folgte die Mehrzahl den literarischen Bewegungen in Frankreich - eine Reihe siedelte auch nach Frankreich über (u. a. É. Verhaeren, M. Maeterlinck, G. Rodenbach, H. Michaux, H. Juin, Françoise Mallet-Joris, F. Marceau), eine Entwicklung, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt (W. Lambersy, J.-P. Otte, J.-P. Toussaint, F. Weyergans).
 
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann die belgische Literatur französischer Sprache ihre Eigenständigkeit zu entwickeln, wobei extreme Haltungen charakteristisch sind. Dies zeigt sich u. a. in den Romanen und Erzählungen C. de Costers, der, dem Realismus verbunden, Stoffe aus flandrischen Volkserzählungen mit einer bis zur Derbheit reichenden Sinnenfreude schilderte (»La légende. .. de Thyl Ulenspiegel et de Lamme Goedzak«, 1868), und den Werken O. Pirmez', die, dem Symbolismus nahe stehend, meditativ-träumerischen Charakter haben. M. Waller gründete 1881 die Zeitschrift »La jeune Belgique«, die sich auf die Bewegung des »L'art pour l'art« und einen gemäßigten Naturalismus berief, im Ganzen aber eher eklektisch war. Zu den Mitarbeitern gehörten u. a. A. Giraud, I. Gilkin, G. Eekhoud, anfänglich auch Rodenbach und Verhaeren. Die von E. Picard begründete Zeitschrift »L'art moderne« setzte sich dagegen für die engagierte Kunst ein und forderte eine typisch belgische Literatur. Den Symbolismus vertraten A. Mockel, der 1886 die Zeitschrift »La Wallonie« gründete, C. van Lerberghe, G. Le Roy, M. Elskamp, später F. Hellens sowie, mit einem Teil ihrer Werke, Maeterlinck, Rodenbach und Verhaeren. C. Lemonniers Werke haben naturalistischen Charakter, C. Plisnier schrieb sozialkritische Romane, später Gedichte und Romane von mystischer Inspiration. Daneben entstand eine reiche, fast ausschließlich regionalistische Romanliteratur mit eindringlichen Sitten-, Milieu- und Landschaftsschilderungen (Eekhoud, E. Demolder, H. Krains, E. Glesener, G. Virres, L. Delattre, J. Tousseul, A. Baillon u. a.). Einen wichtigen Beitrag zur französischen Literatur Belgiens lieferte die dramatische Dichtung, v. a. mit den Werken von F. Crommelynck, der u. a. dem Expressionismus nahe stand, und M. de Ghelderode, der expressionistischen Züge mit mystischen und grotesken verband. Der starken surrealistischen Bewegung in Belgien gehörten u. a. A. Chavée und L. Scutenaire an. Einflüsse des Surrealismus und des Symbolismus verarbeitete Hellens, der später auch sozialkritische Romane schrieb. Soziale sowie psychologische Konflikte behandeln die weit über Belgien hinaus bekannt gewordenen Kriminalromane von G. Simenon.
 
Seit den 1970er-Jahren entstand eine sich auf nationale Selbstbesinnung berufende literarische Bewegung. Der Facettenreichtum der neueren belgischen Literatur (mit ihren Widersprüchen und ihrer Infragestellung der eigenen Identität) zeigt sich im Roman u. a. bei A. Bosquet de Thoran, C. Detrez, Suzanne Lilar, P. Mertens, M. Moreau, J. Muno, H. Nyssen, T. Owen, J. Ray, J. Flanders, G. Vaes, in der Lyrik bei J. Crickillon, J.-P. Verheggen, G. Norge, C. Hubin, im Drama bei J. de Decker, R. Kalisky, J. Louvet, P. Willems und Liliane Wouters. Als bedeutender Essayist ist der Vertreter der »Nouvelle critique«, G. Poulet, zu nennen.
 
Neben der Literatur in französischer Sprache gibt es in Wallonien seit dem 18. Jahrhundert eine Literatur in wallonischem Dialekt.
 
Zur französischen-sprachigen Literatur in Kanada kanadische Literatur, zur Literatur der Schweiz in französischer Sprache schweizerische Literatur, zur Literatur in provenzalischer Sprache provenzalische Literatur.
 
In den ehemaligen französischen Besitzungen entwickelte sich seit dem Ende der Kolonialherrschaft im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit zur französischen Kultur und Suche nach eigener Identität eine Literatur in französischer Sprache; zur Literatur in Algerien, Tunesien und Marokko maghrebinische Literatur, zur Literatur in Schwarzafrika afrikanische Literatur und in der Karibik karibische Literatur.
 
 
Bibliographien:
 
H. Talvart u. J. Place: Bibliographie des auteurs modernes de langue française, auf mehrere Bde. ber. (Paris 1928 ff.);
 H. P. Thieme: Bibliographie de la littérature française de 1800 à 1930, 3 Bde. (ebd. 1933, Nachdr. Genf 1971),
 
Erg.-Bd. 1: 1930-39, bearb. v. S. Dreher u. M. Rolli (Lille 1948, Nachdr. Genf 1976),
 
Erg.-Bd. 2: 1940-49, bearb. v. M. L. Drevet (Genf 1954);
 R. Bossuat: Manuel bibliographique de la littérature française du moyen-âge (Melun 1951, Nachdr. Nendeln 1971, 3 Erg.-Bde. (Paris1955-86);
 
A critical bibliography of French literature, hg. v. D. C. Cabeen, auf 6 Bde. in 11 Tlen.(Syracuse, N. Y., 1-21952-94, tlw. Nachdr.);
 R. Rancœur: Bibliographie de la littérature française du moyen-âge à nos jours, 14 Bde. (Paris 1968-81);
 W. Hillen u. L. Rheinbach: Einf. in die bibliograph. Hilfsmittel für das Studium der Romanistik, auf mehrere Bde. ber. (21989 ff.).
 
Nachschlagewerke:
 
Dictionnaire des lettres françaises, hg. v. G. Grente u. a., 7 Bde. (Paris 1951-72);
 
Dictionnaire de la littérature contemporaine, hg. v. P. de Boisdeffre u. a. (Neuausg.ebd. 1963);
 
The Oxford companion to French literature, hg. v. P. Harvey u. a. (Neuausg. Oxford 1984);
 
Lex. der f. L., hg. v. M. Naumann (Leipzig 1987);
 
W. Engler: Lex. der f. L. (31994);
 
Dictionnaire des littératures de langue française, hg. v. J.-P. de Beaumarchais u. a., 4 Bde. (Neuausg. Paris 1994).
 
Gesamtdarstellungen:
 
Littérature française, hg. v. J. Bédier u. a., 2 Bde. (Neuausg. Paris 1961-65);
 
Histoire de la littérature française, hg. v. J. Calvet, 10 Bde. (Neuausg. ebd. 1967-68);
 
French literature and its background, hg. v. J. Cruickshank, 6 Bde. (London 1968-74);
 
L. Pollmann: Gesch. der f. L., 3 Bde. (1974-78);
 
K. Engelhardt u. V. Roloff: Daten der f. L., 2 Bde. (1-21979-82);
 
F. L. in Einzeldarstellungen, hg. v. P. Brockmeier u. a., 3 Bde. (1981-82);
 
J. Theisen: Gesch. der f. L. (61982);
 
E. Köhler: Vorlesungen zur Gesch. der f. L., hg. v. H. Krauß u. a., 6 Bde. in 11 Tlen. (1983-87);
 
Littérature française, hg. v. C. Pichois, 9 Bde. (Neuausg. Paris 1984-86);
 
G. Lanson: Histoire de la littérature française (Neuausg. ebd. 1985);
 
Manuel d'histoire littéraire de la France, hg. v. P. Abraham u. a., 6 Bde. (Neudr. ebd. 1987);
 
J. von Stackelberg: Kleine Gesch. der f. L. (1990);
 
H.-J. Lope: Frz. Literaturgesch. (31990);
 
Frz. Literaturgesch., hg. v. J. Grimm (31994).
 
Gesamtdarstellung einzelner Gattungen:
 
Das frz. Theater. Vom Barock bis zur Gegenwart, hg. v. J. von Stackelberg, 2 Bde. (1968);
 
J. von Stackelberg: Von Rabelais bis Voltaire. Zur Gesch. des frz. Romans (1970);
 
Die frz. Lyrik, hg. v. H. Hinterhäuser, 2 Bde. (1975);
 
Der frz. Roman. Vom MA. bis zur Gegenwart, hg. v. K. Heitmann, 2 Bde. (1975);
 
R. Sabatier: Histoire de la poésie française, 8 Bde. (Paris 1975-82);
 
W. Engler: Gesch. des frz. Romans (1982);
 
K. A. Blüher: Die frz. Novelle (1985);
 
H. Coulet: Le roman jusqu' à la Révolution (Neuausg. Paris 1985);
 
F. P. Kirsch: Epochen des frz. Romans (1986);
 
Die frz. Lyrik, hg. v. D. Janik (1987).
 
 
G. Gröber: Gesch. der mittelfrz. Lit., 2 Bde. (21933-37);
 
P. Zumthor: Histoire littéraire de la France médiévale (VIe-XIVe siècle) (Paris 1954);
 
Dictionnaire des lettres françaises, hg. v. G. Grente u. a., Bd. 1: Le moyen âge (ebd. 1964);
 
L. Kukenheim u. H. Roussel: Führer durch die f. L. des MA. (a. d. Frz., 1968);
 
P. Le Gentil: La littérature française du moyen âge (Neuausg. Paris 1968);
 
Grundr. der roman. Literaturen des MA., hg. v. H. R. Jauss u. a., auf zahlr. Bde. ber. (1972 ff.);
 
R. Bossuat: Le moyen âge (Neuausg. Paris 1976).
 
16. Jh.:
 
Dictionnaire des lettres françaises, hg. v. G. Grente u. a., Bd. 2: Le XVIe siècle (Paris 1951);
 
R. Morcay u. Armand Müller: La renaissance (Neuausg. ebd. 1967);
 
J. Plattard: La renaissance des lettres en France de Louis XII à Henri IV (Neuausg. ebd. 1967);
 
Précis de littérature française du XVIe siècle. La Renaissance, hg. v. R. Aulotte (ebd. 1991).
 
17. Jh.:
 
D. Mornet: Histoire de la littérature française classique. .. (Paris 41950);
 
Dictionnaire des lettres françaises, hg. v. G. Grente u. a., Bd. 3: Le XVIIe siècle (ebd. 1954);
 
A. Adam: Histoire de la littérature française au XVIIe siècle, 5 Bde. (Neuausg. ebd. 1974);
 
R. Bray: La formation de la doctrine classique en France (Neuausg. ebd. 1978);
 
J. Rousset: La littérature de l'âge baroque en France (Neuausg. ebd. 1981);
 
J. Rohou: Histoire de la littérature française du XVIIe siècle (ebd. 1989);
 
Précis de littérature française du XVIIe siècle, hg. v. J. Mesnard (ebd. 1990).
 
18. Jh.:
 
P. Trahard: Les maîtres de la sensibilité française au 18e siècle, 4 Bde. (Dijon 1931-32, Nachdr. Genf 1968);
 
V. Klemperer: Gesch. der f. L. im 18. Jh., 2 Bde. (1954-66);
 
Dictionnaire des lettres françaises, hg. v. G. Grente u. a., Bd. 4: Le XVIIIe siècle, 2 Tle. (Paris 1960);
 
Précis de littérature française du XVIIIe siècle, hg. v. R. Mauzi (ebd. 1990);
 
R. Darnton: The forbidden best-sellers of pre-revolutionary France (New York 1995).
 
19. und 20. Jh.:
 
R. Lalou: Histoire de la littérature française contemporaine (de 1870 à nos jours), 2 Bde. (Paris 51953);
 
V. Klemperer: Gesch. der f. L. im 19. u. 20. Jh., 2 Bde. (1956);
 
A. Rousseaux: Littérature du XXe siècle, 7 Bde. (Paris 1.-27. Tsd. 1957-67);
 
H. Clouard: Histoire de la littérature française du symbolisme à nos jours, 2 Bde. (Neuausg. ebd. 1959-62);
 
P. de Boisdeffre: Une histoire vivante de la littérature d'aujourd'hui (Paris 71968);
 
P. de Boisdeffre: Histoire de la littérature de langue française des années 1930 aux années 1980, 2 Bde. (Neuausg. ebd. 1985);
 
R. Dumesnil: Le réalisme et le naturalisme (Neuausg. ebd. 1968);
 
P. Moreau: Le romantisme (Neuausg. ebd. 1968);
 
H. T. Moore: Twentieth-century French literature (London 1969);
 
M. Nadeau: Le roman français depuis la guerre (Neuausg. Paris 1970);
 
K. Schoell: Das frz. Drama seit dem Zweiten Weltkrieg, 2 Bde. (1970);
 
G. Zeltner-Neukomm: Das Wagnis des frz. Gegenwartsromans (26.-33. Tsd. 1970);
 
G. Zeltner-Neukomm: Im Augenblick der Gegenwart. Moderne Bauformen des frz. Romans (1974);
 
Das moderne frz. Drama, hg. v. W. Pabst (1971);
 
Die moderne frz. Lyrik, hg. v. W. Pabst: (1976);
 
Le nouveau roman, bearb. v. A. Arnaudiès, 2 Bde. (Paris 1974);
 
M. Raimond: Le roman contemporain, auf mehrere Bde. ber. (ebd. 1976 ff.);
 
J. Theisen: Gesch. der f. L. im 20. Jh. (1976);
 
C. Bonnefoy u. a.: Dictionnaire de la littérature française contemporaine (Paris 1977);
 
F. L. des 19. Jh., hg. v. W.-D. Lange , 3 Bde. (1979-80);
 
J. Grimm: Das avantgardist. Theater Frankreichs: 1895-1930 (1982);
 
La littérature en France depuis 1968, hg. v. B. Vercier u. a. (Paris 1982);
 
Manuel d'histoire littéraire de la France, hg. v. P. Abraham u. a., Bd. 6: De 1913 à 1976 (ebd. 1983);
 
W. Pabst: Frz. Lyrik des 20. Jh. (1983);
 
L. Pollmann: Gesch. der f. L. der Gegenwart. 1880-1980 (1984);
 
Précis de littérature française du XXe siècle, hg. v. J. Robichez (Paris 1985);
 
Die frz. Lyrik des 19. Jh., hg. v. H. Stenzel u. a. (1987);
 
Lit. u. Theater im gegenwärtigen Frankreich, hg. v. K. Schoell (1991);
 
H. Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jh. (Neuausg., 165.-167. Tsd. 1992);
 
W. Engler: F. L. im 20. Jh. (1993);
 
Poésie de langue française, 1945-1960, hg. v. M.-C. Bancquart (Paris 1995).
 
 
Bibliographien: J. M. Culot: Bibliographie des écrivains français de Belgique, 1881-1950, auf mehrere Bde. ber. (Brüssel 1958 ff.);
 
S. Gross u. J. Thomas: Belgien. Lit. u. Politik (1987).
 
Gesamtdarstellungen: Histoire illustrée des lettres françaises de Belgique, hg. v. G. Charlier u. a. (Brüssel 1958);
 
R. Burniaux u. R. Frickx: La littérature belge d'expression française (Paris 1973);
 
Regards sur les lettres françaises de Belgique, bearb. v. P. Delsemme u. a. (Brüssel 1976);
 
R. Frickx u. M. Joiret: La poésie française de Belgique de 1880 à nos jours (ebd. 1977);
 
Études de littérature française de Belgique. .., hg. v. M. Otten (ebd. 1978);
 
Alphabet des lettres belges de langue française, bearb. v. A. Spinette (ebd. 1982);
 
R. Andrianne: Lit. u. Gesellschaft im frz.-sprachigen Belgien (1984);
 
Lettres françaises de Belgique. Dictionnaire des œuvres, hg. v. R. Frickx u. R. Trousson , auf mehrere Bde. ber. (Paris 1988 ff.).
 
Weitere französischsprachige Gebiete:
 
Guide culturel. Civilisations et littératures d'expression française, hg. v. A. Reboullet u. a. (Paris 1977);
 
A. Viatte: Histoire comparée des littératures francophones (ebd. 1980);
 
X. Deniau: La francophonie (ebd. 1983);
 
Les littératures francophones depuis 1945, bearb. v. J.-L. Joubert u. a. (ebd. 1986).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Artus und die Ritter der Tafelrunde
 
Aufklärung: Das französische Theater - Vom klassischen Drama zum bürgerlichen Theater
 
Baudelaire und der Symbolismus
 
französische Literatur des ausgehenden Mittelalters
 
geistliches Drama: Mysterien, Moralitäten und Mirakel
 
Hugo und die romantische Bewegung
 
klassisches Drama in Frankreich
 
Montaigne und die Moralistik
 
Montesquieu: Die »Querelle des anciens et des modernes«
 
Pléiade: Der Bruch mit mittelalterlichen Traditionen
 
Roman de la Rose: Zeiten im Umbruch
 
Romantik in Frankreich: Mit heißem Herzen und kühlem Kopf
 
Stendhal, Balzac, Flaubert: Der Roman als Spiegel der Gesellschaft
 
Surrealismus in der Literatur: Traum, Poesie und Existenz
 
Troubadours und Trouvères
 
Zola und der Naturalismus: Die Wissenschaft als Vorbild
 

Universal-Lexikon. 2012.

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